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Gebäudetyp E

Gebäudetyp E: Günstiger bauen: Modernes Mehrfamilienhaus im Geschosswohnungsbau als Beispiel für neuen Wohnraum


Gebäudetyp E: Günstiger bauen – aber wie groß ist der Effekt wirklich? 

Der Gebäudetyp E soll das Bauen in Deutschland einfacher, schneller und kosten­güns­tiger machen. Das „E“ steht dabei für „einfach“ bezie­hungs­weise „experi­mentell“. Ziel des Konzepts ist es, auf bestimmte technische und bauliche Standards zu verzichten, sofern Sicherheit und Funktionalität weiterhin gewähr­leistet bleiben. 

Hintergrund ist die zuneh­mende Kritik an immer höheren Baustandards und einem sogenannten „Goldstandard“ im Wohnungsbau. In der Praxis werden häufig nicht nur sicher­heits­re­le­vante Anforderungen umgesetzt, sondern auch zahlreiche Komfortstandards, die die Baukosten zusätzlich erhöhen. Dazu zählen beispiels­weise erhöhte Schallschutzanforderungen, aufwendige Gebäudetechnik oder umfang­reiche Elektroausstattungen. 

Der Gebäudetyp E soll deshalb mehr Spielraum schaffen, um einfacher und wirtschaft­licher zu bauen. Diskutiert werden unter anderem reduzierte technische Ausstattungen, verein­fachte Konstruktionen oder flexi­blere Anforderungen bei bestimmten DIN-Normen. Befürworter sehen darin die Chance auf günsti­geren Wohnraum und schnellere Bauprozesse. Kritiker warnen hingegen vor sinkenden Wohnstandards und langfris­tigen Qualitätsrisiken. 

Die Diskussion reiht sich dabei in eine breitere Debatte über Wege zu schnel­lerem und bezahl­ba­rerem Wohnungsbau ein, zu der neben dem Gebäudetyp E auch Maßnahmen wie der Bauturbo zählen, der auf beschleu­nigte Planungs- und Genehmigungsverfahren setzt. 

Doch wie groß ist der tatsäch­liche Effekt? 

Kann der Gebäudetyp E die Wohnungsnot spürbar lindern, oder handelt es sich eher um einen begrenzten Kostenvorteil mit geringer Wirkung auf die tatsäch­lichen Mieten?

Wohnungsgrundriss als Grundlage für Planung und kosteneffizientes Bauen, Gebäudetyp E

Was steckt hinter dem Gebäudetyp E?

Der Gebäudetyp E versteht sich als verein­fachter Baustandard mit größerem Spielraum bei Planung und Ausführung. Maßgeblich bleibt dabei die Einhaltung der jewei­ligen Landesbauordnungen und techni­schen Baubestimmungen. Im Mittelpunkt steht die Möglichkeit, in bestimmten Bereichen von üblichen techni­schen Standards und DIN-Normen abzuweichen, sofern gleich­wertige Lösungen bestehen und Funktionalität sowie Sicherheit weiterhin gewähr­leistet bleiben. Der Gebäudetyp E bedeutet dabei nicht „unsicher bauen“, sondern die bewusste Abwägung zwischen Komfortstandard, Kosten und Wirtschaftlichkeit. 

Nicht jede Abweichung von einer DIN-Norm stellt automa­tisch einen Baumangel dar. Entscheidend ist vielmehr, ob die gewählte Ausführung den öffentlich-rechtlichen Anforderungen entspricht. Auch der ZIA weist darauf hin, dass DIN-Normen grund­sätzlich private technische Regeln darstellen und nicht automa­tisch als gesetz­licher Mindeststandard gelten. Die Leitlinie zum Gebäudetyp E betont zudem ausdrücklich, dass insbe­sondere sogenannte Komfort- und Ausstattungsstandards im Fokus stehen – nicht jedoch sicher­heits­re­le­vante Mindestanforderungen.


Welche Standards verteuern Wohnungen besonders stark?

Die Debatte um den Gebäudetyp E wirft grund­sätzlich die Frage auf, welche Standards tatsächlich notwendig sind und welche Anforderungen den Wohnungsbau vor allem verteuern. Denn viele technische Normen dienen nicht ausschließlich der Sicherheit, sondern definieren teilweise auch Komfort- und Qualitätsstandards, die über das technisch erfor­der­liche Maß hinaus­gehen.  

  • erhöhte Schallschutzanforderungen  
  • aufwendige Gebäudetechnik  
  • Stellplatzpflichten  
  • Tiefgaragen  
  • Aufzugspflichten  
  • umfang­reiche Elektroausstattungen  
  • zusätz­liche Anforderungen an Energieeffizienz und Barrierefreiheit

Wie weit Vereinfachungen reichen können, zeigen konkrete Beispiele aus der Leitlinie zum Gebäudetyp E. Dort wird unter anderem disku­tiert, die Zahl der Steckdosen in einer durch­schnitt­lichen 3‑Zimmer-Wohnung von 47 auf 24 zu reduzieren. Ziel ist es, Komfortstandards stärker am tatsäch­lichen Bedarf auszu­richten.  

Auch beim Schallschutz zeigt sich der Zielkonflikt deutlich: Die Leitlinie beschreibt beispiels­weise eine reduzierte Geschossdecke, die Material und Kosten spart, gleich­zeitig jedoch zu einem gerin­geren Trittschallschutz führen kann.  Diese Beispiele verdeut­lichen die zentrale Debatte hinter dem Gebäudetyp E: Wie viel Komfortstandard ist notwendig und wie viel können wir uns künftig noch leisten? 

Mehr Flexibilität beim Bauen könnte Projekte wirtschaftlich machen, die heute an Kosten und Regulierung scheitern.”

Julian Henschel, Director Valuation, Head of Location Hamburg
Titat zum Gebäudetyp E von Julian Henschel, Director Valuation Wüest Partner, Head Location Hamburg

Erste Erholung bei Baugenehmigungen, aber weiterhin deutlich unter früheren Werten

Die aktuellen Zahlen des Statistischen Bundesamtes (Destatis) deuten auf eine Stabilisierung des Wohnungsbaus hin. Von Januar bis Dezember 2025 wurden rund 238.500 Wohnungen genehmigt – knapp 11 % mehr als im Vorjahreszeitraum. 

Besonders stark legten die Genehmigungen für Einfamilienhäuser (+17,2 %) und Mehrfamilienhäuser (+12,1 %) zu. Mit rund 128.100 Einheiten entfällt der größte Anteil weiterhin auf den Geschosswohnungsbau. 

Die Erholung folgt auf eine Phase histo­risch schwacher Bautätigkeit. Nach dem starken Zinsanstieg 2023 und deutlich gestie­genen Baukosten erreichten die Baugenehmigungen im September 2024 ihren Tiefpunkt. Zahlreiche Projekte wurden gestoppt, zudem kam es zu Insolvenzen von Bauträgern. 

Trotz der positiven Entwicklung bleibt das Niveau der Baugenehmigungen deutlich unter den Werten der Jahre 2020 und 2021. Vor diesem Hintergrund gewinnen Ansätze wie der Gebäudetyp E an Bedeutung, die darauf abzielen, Bauprojekte wirtschaft­licher und leichter reali­sierbar zu machen.


Gebäudetyp E: Wie hoch ist das tatsächliche Einsparpotenzial?

Nach Einschätzungen vieler Branchenvertreter:innen könnten sich die Baukosten durch den Gebäudetyp E um rund 10 % reduzieren, in einzelnen Projekten mögli­cher­weise auch darüber hinaus. 

Ein Pilotprojekt in Bayern zeigt bereits, wie verein­fachte Standards konkret umgesetzt werden können. Dort wurde unter anderem auf eine klassische Heizungsanlage verzichtet und statt­dessen ein verein­fachtes Lüftungs- und Wärmekonzept reali­siert. Die tatsäch­lichen Einsparpotenziale dürften jedoch stark vom jewei­ligen Projekt und den gewählten Vereinfachungen abhängen und sehr unter­schiedlich ausfallen.  

Die entschei­dende Frage lautet daher weniger, ob grund­sätzlich Einsparungen möglich sind, sondern vielmehr, welche Maßnahmen tatsächlich relevante Kostenvorteile erzeugen.


Gebäudetyp E und Hamburg-Standard im Vergleich

Neben dem Gebäudetyp E werden derzeit auch auf kommu­naler Ebene Ansätze entwi­ckelt, um den Wohnungsbau wirtschaft­licher zu gestalten.  

Mit dem „Hamburg-Standard“ verfolgt die Stadt Hamburg einen deutlich breiter angelegten Ansatz zur Kostensenkung im Wohnungsbau. Die im Rahmen der Initiative „Kostenreduziertes Bauen“ entwi­ckelten Ansätzen zeigen Einsparpotenziale von bis zu 2.000 EUR brutto pro Quadratmeter Wohnfläche bezie­hungs­weise eine Reduzierung der Baukosten um bis zu einem Drittel. 

Die Kostensenkung soll dabei nicht nur über verein­fachte technische und bauliche Standards, sondern auch über optimierte Planungs- und Genehmigungsprozesse erreicht werden. Während der Gebäudetyp E vor allem technische Standards und vertrag­liche Rahmenbedingungen flexi­bi­li­sieren soll, setzt der Hamburg-Standard stärker auf Prozessvereinfachungen und Verwaltungsoptimierung. Damit stellt sich eine zentrale Frage: Was verteuert den Wohnungsbau tatsächlich stärker, technische Standards oder Bürokratie? 

Beide Ansätze verfolgen dasselbe Ziel: den Wohnungsbau wirtschaft­licher und schneller reali­sierbar zu machen. Ob die angekün­digten Einsparpotenziale in der Praxis dauerhaft reali­siert werden können, wird sich erst anhand konkreter Projekte zeigen.

Gebäudetyp E: Energetische Sanierung eines Wohngebäudes im Bestand mit Fassadendämmung und Gerüst

Gebäudetyp E: Auch in der Schweiz gewinnt das Thema an Bedeutung 

Die Diskussion über einfa­cheres und kosten­güns­ti­geres Bauen wird inzwi­schen nicht nur in Deutschland geführt. Auch in der Schweiz wächst die Debatte darüber, wie Wohnungsbau wirtschaft­licher, ressour­cen­scho­nender und schneller reali­siert werden kann. 

Architektur- und Planungsverbände disku­tieren dort zunehmend die Frage, welche Standards tatsächlich notwendig sind und wo Vereinfachungen sinnvoll sein könnten. Im Mittelpunkt stehen dabei ähnliche Themen wie in Deutschland: 

  • steigende Baukosten  
  • komplexe regula­to­rische Anforderungen  
  • hoher techni­scher Standard  
  • sowie die Frage nach einem angemes­senen Verhältnis zwischen Komfort, Nachhaltigkeit und Wirtschaftlichkeit.  

Besonders inter­essant ist dabei, dass die Diskussion in der Schweiz häufig weniger unter dem Aspekt „Standards reduzieren“, sondern stärker unter dem Leitgedanken des „einfachen und besseren Bauens“ geführt wird. 

Auch auf kommu­naler Ebene wird das Thema bereits konkret disku­tiert. So wird beispiels­weise in Luzern geprüft, ob Pilotprojekte nach dem Prinzip des Gebäudetyps E insbe­sondere bei städti­schen Wohnbauten, Sanierungen und denkmal­ge­schützten Gebäuden umgesetzt werden könnten. Zielgrößen solcher Projekte wären unter anderem: 

  • geringere Baukosten  
  • schnellere Realisierung  
  • ressour­cen­scho­nende Konstruktionen  
  • sowie Erkenntnisse zur tatsäch­lichen Übertragbarkeit verein­fachter Baustandards.  

Damit zeigt sich: 
Die Debatte um den Gebäudetyp E ist längst Teil einer grund­sätz­lichen inter­na­tio­nalen Diskussion darüber, wie bezahl­barer Wohnraum unter zunehmend komplexen wirtschaft­lichen und regula­to­ri­schen Rahmenbedingungen künftig noch reali­siert werden kann. 

Projektplanung im Wohnungsbau mit Fokus auf Baukosten und Flächeneffizienz, Gebäudetyp E

Kommen niedrigere Baukosten bei den Mietern an?

Die zentrale Frage bleibt, ob geringere Baukosten tatsächlich zu spürbar niedri­geren Mieten führen. Denn Baukosten stellen nur einen Teil der Gesamtkalkulation eines Wohnprojekts dar. Grundstückspreise, Finanzierungskosten und regula­to­rische Anforderungen beein­flussen die Wirtschaftlichkeit ebenfalls erheblich.  

Selbst deutliche Baukostensenkungen wirken sich daher häufig nur begrenzt auf die tatsäch­lichen Mieten aus. Eine entschei­dende Rolle spielt dabei insbe­sondere der Standort: Während in Top-A-Lagen häufig die Grundstückskosten dominieren, machen die eigent­lichen Baukosten in vielen Nebenlagen einen deutlich größeren Anteil der Gesamtkosten aus. 

MarktWirkung des Gebäudetyps E
Top-A-Städteeher gering
Nebenlageneher relevant

In hochprei­sigen Märkten wie München oder Frankfurt dürften Baukostensenkungen daher häufig nur begrenzte Auswirkungen auf die Gesamtwirtschaftlichkeit haben. In Regionen mit niedri­geren Grundstückskosten könnte der Gebäudetyp E dagegen einen deutlich stärkeren Effekt entfalten.


Verhindern heutige Standards wirtschaftliche Bestandssanierungen?

Ein besonders großes Potenzial könnte der Gebäudetyp E künftig beim Bauen im Bestand entfalten. Die Leitlinie weist darauf hin, dass heutige Standards bei Sanierungen häufig umfang­reiche Folgemaßnahmen auslösen, etwa Anpassungen an Türen, Treppen, Aufzügen oder Raumhöhen.  

Dadurch können Modernisierungen wirtschaftlich erheblich erschwert werden. Gerade bei Umnutzungen, Dachausbauten oder Nachverdichtungen könnten verein­fachte Standards daher künftig eine größere Rolle spielen als im klassi­schen Neubau.  

Insbesondere beim Bauen im Bestand dürfte die praktische Relevanz des Gebäudetyps E in den kommenden Jahren genauer zu beobachten sein. 


Fazit

„Aus meiner Sicht zeigt der Gebäudetyp E vor allem eines: Der Wohnungsbau in Deutschland ist in den vergan­genen Jahren zunehmend komplexer, teurer und regulierter geworden. Der Ansatz, Standards stärker zu hinter­fragen und mehr Flexibilität zu ermög­lichen, ist deshalb grund­sätzlich sinnvoll. 

Gleichzeitig sollte der Gebäudetyp E nicht als alleinige Lösung des Wohnungsmangels verstanden werden. Niedrigere Baukosten allein werden die struk­tu­rellen Probleme des Wohnungsmarktes nicht beheben. Gerade in hochprei­sigen Städten bleiben Grundstückskosten, Genehmigungsprozesse und Finanzierung weiterhin die entschei­denden Einflussfaktoren. 

Der Gebäudetyp E kann aus meiner Sicht dort besonders sinnvoll sein, wo heutige Standards wirtschaftlich sinnvolle Projekte verhindern, beispiels­weise im Bestand, bei Umnutzungen oder bei einfachen Wohnkonzepten. Entscheidend wird jedoch sein, dass die Balance zwischen Wirtschaftlichkeit, Wohnqualität und langfris­tiger Werthaltigkeit gewahrt bleibt. Da bislang nur begrenzte Praxiserfahrungen vorliegen, bleibt die tatsäch­liche Wirkung des Gebäudetyps E auf Baukosten und Wohnungsmarkt zunächst weiter zu beobachten. Die Relevanz des Grundgedankens zeigt sich jedoch nicht zuletzt durch seine inter­na­tionale Strahlkraft, z.B. in die Schweiz.“


Kontaktperson

Julian Henschel
Julian Henschel
Head Location Hamburg, Director

E‑Mail an Julian Henschel
+49 40 200039406


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