Zwischen Tradition und Transformation: Wie sich der stationäre Detailhandel behauptet
Veröffentlicht am: 11. August 2025 Letzte Aktualisierung: 12. August 2025
Der Schweizer Detailhandel steht unter Druck: Internationale Onlineanbieter gewinnen an Marktanteilen, während stationäre Geschäfte um ihre Relevanz kämpfen. Trotzdem bleibt der stationäre Detailhandel fest im Konsumverhalten vieler Schweizerinnen und Schweizer verankert. Die aktuelle Auswertung des Immo-Barometers beleuchtet, welche Faktoren für Konsumentinnen und Konsumenten heute zählen, welche gesellschaftlichen Spannungsfelder mit längeren Öffnungszeiten verbunden sind – und wie sich die Nachfrage nach Verkaufsflächen in einem zunehmend selektiven Marktumfeld entwickelt.
Der Strukturwandel im Detailhandel schreitet weiter voran. Insbesondere internationale Onlineanbieter – allen voran preisgünstige Plattformen aus China – gewinnen im Schweizer Markt an Bedeutung: Ihre Umsätze nahmen zuletzt um 18 % zu. Demgegenüber verzeichneten inländische Webshops mit .ch-Domain im gleichen Zeitraum lediglich ein Wachstum von 1 %. Auch wenn sich der Schweizer E‑Commerce im Vergleich zum Ausland verhaltener entwickelt, bleibt er der dynamischere Kanal gegenüber dem stationären Handel. Gemäss Monitoring Consumption Schweiz ist der Anteil der Onlinezahlungen mit Kreditkarte im Non-Food-Segment im Jahr 2024 erneut gestiegen. Die bisherigen Daten für das laufende Jahr bestätigen diese Entwicklung.
Drei Hauptmotive für das Einkaufen vor Ort
Trotz des anhaltenden Wachstums des Onlinehandels bleibt der stationäre Detailhandel fest in der Schweizer Konsumkultur verankert. Dies zeigt auch eine aktuelle Auswertung im Rahmen des Immo-Barometers, für den über 1000 Haushalte befragt wurden. Drei Hauptmotive dominieren dabei das Einkaufsverhalten vor Ort: der direkte Kontakt mit dem Produkt, die Unterstützung lokaler Anbieter sowie die sofortige Verfügbarkeit ohne Lieferzeit.
Ältere Bevölkerung misst dem stationären Detailhandel mehr Gewicht bei
Das Gewicht, das Käuferinnen und Käufer diesen Merkmalen beimessen, unterscheidet sich jedoch deutlich nach Altersgruppe. Je höher das Alter, desto grösser der Anteil der Befragten, die den Vorzügen des stationären Handels eine hohe oder sehr hohe Bedeutung zuschreiben. Vor allem die Generation 60+ schätzt das Einkaufen vor Ort – was angesichts langjährig gefestigter Konsumgewohnheiten nachvollziehbar ist. Jüngere Konsumentinnen und Konsumenten hingegen fühlen sich weniger an das Ladengeschäft gebunden und sind digitalen Angeboten gegenüber deutlich aufgeschlossener.
Persönliche Beratung bleibt für Ältere im stationären Detailhandel zentral
Die grössten Unterschiede zwischen den Altersgruppen zeigen sich beim Bedürfnis nach Beratung. Während rund 70 Prozent der über 60-Jährigen persönliche Unterstützung beim Einkauf als wichtig oder sehr wichtig einstufen, liegt dieser Anteil bei den Jüngeren teils deutlich unter 50 Prozent. Ein möglicher Erklärungsansatz: Viele jüngere Konsumentinnen und Konsumenten informieren sich bereits vor dem Einkauf online, wodurch der Bedarf an zusätzlicher Beratung im Geschäft sinkt. Ältere Generationen hingegen schätzen nicht nur die fachliche Unterstützung, sondern auch den sozialen Austausch, der mit dem persönlichen Kontakt im Laden einhergeht – ein Aspekt, der potenziell zur Milderung von Einsamkeitsgefühlen beitragen kann.
Unabhängig vom Kanal und der Altersklasse bleibt ein Aspekt jedoch entscheidend. Beim Bezahlen erwarten Konsumentinnen und Konsumenten höchste Verlässlichkeit – online ebenso wie an der Kasse.
Längere Ladenöffnungszeiten als Zukunftslösung für den stationären Detailhandel?
Um den stationären Detailhandel für die Zukunft zu stärken, werden verschiedene Massnahmen diskutiert. Zu den prominentesten Vorschlägen gehört die Liberalisierung der Ladenöffnungszeiten – ein Dauerbrenner, der kontrovers debattiert wird und regelmässig politische Aufmerksamkeit erhält. Ein Blick auf aktuelle Entwicklungen zeigt: Die Skepsis in der Bevölkerung ist nach wie vor gross. Im Kanton St. Gallen wurde am 18. Mai 2025 zum wiederholten Mal eine entsprechende Vorlage abgelehnt – bereits zum vierten Mal. Mit 64.8 % Nein-Stimmen fiel das Resultat deutlich aus. Auch die Ergebnisse einer gesamtschweizerischen Befragung deuten in eine ähnliche Richtung und bestätigen die Zurückhaltung gegenüber einer weitergehenden Liberalisierung.
Flexibilität steigt aber soziale Fragen werden kritisch eingeschätzt
Trotz der deutlichen politischen Ablehnung bleibt die Diskussion über eine Flexibilisierung der Ladenöffnungszeiten aktuell. Die Meinungen in der Bevölkerung gehen dabei weit auseinander. Gemäss den Ergebnissen des Immo-Barometers spricht sich knapp die Hälfte (47 %) der Befragten zumindest tendenziell oder vollumfänglich dafür aus, dass Geschäfte ihre Öffnungszeiten eigenständig festlegen dürfen. Rund ein Drittel (31 %) erwartet sich von einer solchen Liberalisierung eine spürbar grössere Flexibilität im persönlichen Einkauf. Das Meinungsbild schwankt jedoch stark nach Alter. Jüngere Generationen stehen längeren Öffnungszeiten deutlich offener gegenüber als ältere, die häufiger Vorbehalte äussern.
Bei den sozialen Auswirkungen herrscht dagegen bemerkenswerte Einigkeit: 65 bis 71 % aller Befragten befürchten, dass verlängerte Öffnungszeiten das Verkaufspersonal zusätzlich belasten. Auch Sonntagsarbeit stösst nach wie vor auf breite Ablehnung. Insgesamt zeigt sich ein ambivalentes Bild: Längere Öffnungszeiten könnten den stationären Detailhandel stärken, doch die potenziellen Vorteile werden gegen die befürchteten sozialen Kosten abgewogen.
Verkaufsflächenmarkt präsentiert sich stabil
Trotz des anhaltenden Onlinebooms präsentiert sich der Schweizer Markt für Verkaufsflächen derzeit stabil. Die verhaltene Bautätigkeit der letzten Jahre und die nach wie vor robuste Nachfrage wirkten vorerst noch stützend. Gleichwohl mehren sich die Anzeichen für eine allmähliche Verschiebung. Die Konsumentenstimmung hat sich angesichts wachsender wirtschaftlicher Risiken – ausgelöst vor allem durch geopolitische Spannungen und unberechenbare US-Zollmassnahmen – jüngst eingetrübt. Vor diesem Hintergrund verengt sich die Nachfrage zunehmend auf zentrale, hochfrequentierte Lagen. In Kombination mit dem weiter steigenden Onlineanteil dürfte dies 2025 an den meisten Standorten einen leichten Druck auf die Mieten erzeugen. Erstklassige Lagen bleiben jedoch weitgehend widerstandsfähig.

Immo-Monitoring
Lesen Sie mehr zu den aktuellen Entwicklungen am Schweizer Verkaufs- und Büroflächenmarkt in der Sommerausgabe des Immo-Monitoring.