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US-Zölle: Regionale Betroffenheit

Veröffentlicht am: 15. Mai 2025 Letzte Aktualisierung: 23. März 2026

US-Zölle

Die US-Einfuhrzölle auf Industriegüter und Rohstoffe von 39% treffen die Schweizer Wirtschaft. In diesem Beitrag analy­sieren wir, welche Schweizer Regionen am stärksten exponiert sind. Dazu berechnen wir einen Score für Kantone oder Gemeindetypen, der aufzeigt, welcher Teil der lokalen Wirtschaft direkt von den US-Zöllen betroffen ist. Für die Berechnung verknüpfen wir nationale Zolldaten, regionale Beschäftigtenzahlen mit dem Wüest-Partner-Wertschöpfungsmodell und wenden verschiedene Zollszenarien an.

US-Zölle auf Schweizer Industrieexporte: Der Stand der Dinge

Im Frühjahr 2025 hat die US-Regierung unter Präsident Trump neue handels­po­li­tische Massnahmen ergriffen, die auch die Schweiz betreffen. Neben bestehenden Zöllen auf spezi­fische Warengruppen wie Aluminium, Stahl oder Fahrzeuge wurden Anfang April erstmals länder­spe­zi­fische «Reciprocal Tariffs» einge­führt. Diese sollten für Länder mit hohem Handelsüberschuss gegenüber den USA gelten – darunter auch die Schweiz. Sie führten zu einem effek­tiven Zollsatz von 31% auf Schweizer Industrieexporte. Davon waren einzelne Warengruppen wie etwa Pharmaprodukte ausge­nommen.

Am 9. April 2025 wurden diese länder­spe­zi­fi­schen Aufschläge für 90 Tage ausge­setzt, was den Schweizer Zollsatz auf Industriegüter auf das univer­selle Niveau von 10% senkte. Dieser Schritt wurde von der US-Regierung als vertrau­ens­bil­dende Massnahme im Vorfeld bilate­raler Gespräche mit verschie­denen Handelspartnern, darunter die Schweiz, kommu­ni­ziert.

Seither hat Präsident Trump die Aussetzung der reziproken Zölle einmalig bis zum 1. August 2025 verlängert, um weiteren Verhandlungen Spielraum zu geben. Trotz inten­siver Gespräche zwischen der Schweiz und den USA konnte keine Einigung erzielt werden, worauf das US-Handelsministerium nach Ablauf dieser Frist am 31. Juli 2025 neue Zusatzzölle von 39% auf die meisten Schweizer Industrieexporte ankün­digte. Diese traten am 7. August 2025 in Kraft.

Der Aufschlag ist ausser­ge­wöhnlich hoch – beispiels­weise liegt er mehr als doppelt so hoch wie der Zollsatz von 15%, den die USA auf EU-Güter erheben. Die in Annex II der Executive Order definierten Ausnahmen – etwa für Pharmazeutika, Halbleiter sowie Energie- und Rohstoffprodukte – bleiben ebenso in Kraft wie die sekto­ri­ellen Zusatzabgaben auf Stahl- und Aluminiumprodukte (50%), auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile (25%) sowie auf Kupferhalbfabrikate und kupfer­intensive Folgeprodukte (50%).

Betroffenheit nach Gemeindetyp

Grossstädte sowie Tourismusregionen weniger betroffen

Abbildung 1 zeigt sehr deutlich, dass sich die US-Zoll-Exponierung nach dem struk­tu­rellen Profil der Gemeinden unter­scheidet:

  • Am stärksten exponiert sind vor allem indus­trielle und agrarische Gemeinden sowie Kleinstädte. Dort dominieren verar­bei­tende Betriebe und Präzisions- bzw. Maschinenindustrien mit hohem US-Exportanteil, was die Zollwirkung besonders stark ausfallen lässt. Die hohe Exportintensität in zollbe­las­teten Industriezweigen erklärt damit die Spitzenwerte.
  • Am wenigsten belastet sind reiche Vorortgemeinden und vor allem Grossstädte sowie deren Agglomerationsgemeinden. Der Branchenmix von Ballungszentren wie etwa Zürich ist stark dienstleistungs- und finanz­ori­en­tiert. Dadurch sind sie vergleichs­weise wenig von US-Zöllen auf Industriegüter betroffen. Auch Tourismusregionen weisen eine tiefere Betroffenheit auf als indus­trielle Gemeinden.

Kantonale Betroffenheit

Nidwalden besonders exponiert

Der Kanton Nidwalden ist mit Abstand am stärksten von den US-Zöllen betroffen. Ausschlaggebend ist hier vor allem der Luftfahrtsektor – allen voran die Pilatus Flugzeugwerke AG mit Sitz in Stans. Die USA gehören zu ihren wichtigsten Absatzmärkten, und das Unternehmen ist stark export­ori­en­tiert. Dadurch weist der Kanton Nidwalden den mit Abstand höchsten Anteil der betrof­fenen US-Exporte auf. Diese starke US-Orientierung kombi­niert mit einem überpro­por­tional hohen Anteil der Luftfahrtbranche an der gesamten kanto­nalen Bruttowertschöpfung führt zu diesem vergleichs­weise hohen Exposure. Eine gerade für grosse Firmen gangbare Reaktion auf die Zölle ist aller­dings die Gründung von Tochterfirmen vor Ort – eine Strategie, die die Pilatus Flugzeugwerke AG bereits vor Einführung der Zölle einge­schlagen hat.

Auf den Plätzen 2 bis 5 folgen:

  • Der Kanton Jura mit seiner Uhren- und Präzisionsmaschinen­industrie, für welche die USA ein zentraler Absatzmarkt ist – beispiels­weise Richard Mille SA. Mit über 20% der Beschäftigten in zollbe­trof­fenen Branchen weist der Kanton Jura den höchsten Anteil aller Kantone auf.
  • Obwalden, mit einer starken Hightech- sowie Lebensmittel- und Kunststoffindustrie, mit Unternehmen wie etwa der Nahrin AG oder Maxon Motors AG.
  • Solothurn, dank bedeu­tender Maschinen- und Metallverarbeitung (z. B. in Olten und Grenchen).
  • Appenzell Innerrhoden, mit bedeu­tendem Anteil an Elektro- und Maschinenindustrie. Dadurch machen zollbe­troffene Branchen einen überdurch­schnitt­lichen Anteil an der Bruttowertschöpfung des Kantons aus.

Ganz anders sieht es im Kanton Basel-Stadt oder in Aargau aus. Hier ist die Pharmaindustrie, die derzeit (noch) von US-Zöllen ausge­nommen ist, so prägend, dass nur ein geringer Teil der Wertschöpfung den US-Zöllen ausge­setzt ist – selbst bei hohen US-Exportvolumina. In einem weiteren Szenario unter­stellen wir, dass die Pharmaindustrie – wie bereits von der US-Regierung mehrmals angedroht – zukünftig denselben Standardtarif auf Industriegüter zahlen müsste.

Unsicherheit bei Pharma-Standorten

Wenden wir im zweiten Szenario den momentan geltenden US-Zoll-Standardtarif von 39% auch auf Pharmaprodukte an, verändert sich das Bild deutlich (Abbildung 3). Durch den Wegfall der Zollbefreiung der Pharmaindustrie weist der Kanton Basel-Stadt mit den globalen Playern Roche und Novartis den höchsten relativen Score auf. Schaffhausen folgt dicht darauf mit Johnson & Johnson als einem der wichtigsten Arbeitgeber des Kantons und einer der grössten pharma­zeu­ti­schen Produzenten in der Schweiz.

Auch die Kantone Luzern, Freiburg, Waadt, Basel-Landschaft und Aargau verzeichnen im Szenario «Pharmazölle» eine markant höhere relative Betroffenheit. Sie alle verfügen über eine bedeu­tende Pharma‑, Biotech- oder Life-Science-Industrie, die nicht nur export­ori­en­tiert ist, sondern generell eine hohe Wertschöpfungsintensität aufweist. Basel-Landschaft ist stark mit dem Raum Basel verflochten. Luzern und Waadt beher­bergen bedeu­tende Produktionsstätten inter­na­tio­naler Firmen (beispiels­weise MSD bzw. Merck SA), und Aargau ist ein etablierter Standort forschungs­naher Life-Science-Unternehmen.

Gleichzeitig sinkt der relative Score des Kantons Nidwalden nur moderat ab: Die starke Exponierung in der Flugzeugindustrie bleibt unver­ändert hoch und verliert lediglich leicht an relativer Dominanz.

Insgesamt zeigt dieses Szenario wie sehr Zollregelungen gezielt eine Branche und ihre lokalen Wertschöpfungsnetzwerke treffen können – hier insbe­sondere das hoch spezia­li­sierte Pharma-Cluster in der Nordwestschweiz.

Schlussfolgerungen

Unser relativer Score macht sichtbar, welche Schweizer Regionen im Zuge der US-Einfuhrzölle auf Industriegüter – und im erwei­terten Szenario «Pharmazölle» auch auf Pharmaprodukte – besonders gefährdet sind. Im aktuellen Referenzszenario ist Nidwalden dank seiner export­starken Luftfahrtindustrie am stärksten exponiert, gefolgt von Jura, Obwalden und Solothurn, wo Präzisions- und Maschinenindustrien dominieren. Dienstleistungs- und Finanzzentren wie etwa Zürich sowie rein touris­tisch geprägte Regionen sind dagegen weniger stark betroffen. Unter der Annahme eines 39%-Zolls auf Pharmaprodukte würde Basel-Stadt am stärksten unter den US-Zöllen leiden. Die Analyse verdeut­licht, dass nicht nur das Exportvolumen zählt, sondern insbe­sondere auch der Wertschöpfungsanteil darüber entscheidet, wie vulnerabel eine Wirtschaft gegenüber den protek­tio­nis­ti­schen Massnahmen aus Übersee ist.

Einordnung

Unsere Analyse konzen­triert sich ausschliesslich auf die Unterschiede zwischen den Schweizer Regionen hinsichtlich der direkten Betroffenheit durch die US-Zölle – also ohne Berücksichtigung der Betroffenheit entlang der Lieferketten. Wir quanti­fi­zieren bewusst keine absoluten Schadens- oder Entlastungsbeträge, weil die tatsäch­liche Zollbelastung je nach Unternehmensgrösse, Lieferkettenstruktur und Verhandlungsposition stark variiert. Zahlreiche Exporteure können Zölle rechtlich oder operativ umgehen – etwa durch Re-Routing über Freihandelszonen, Vorwärtsverlagerung von Wertschöpfungsstufen oder die Nutzung von «First-Sale»-Regelungen. Diese firmen­spe­zi­fi­schen Optimierungen liegen ausserhalb des Untersuchungsrahmens und könnten die ausge­wie­senen regio­nalen Unterschiede abschwächen.

Seit der Ankündigung der US-Zölle zu Jahresbeginn hat sich das makro­öko­no­mische Umfeld durch höhere Unsicherheit verschärft. Der wöchent­liche Aktivitätsindex vom SECO zeigte zwar Anfang 2025 nochmals einen kräftigen Ausschlag nach oben. Dieser wurde auch durch gestiegene Exporte im ersten Quartal 2025 gestützt (+4,4% real gegenüber Vorjahr). Ein möglicher Treiber dieses Impulses war das Vorziehen von Lieferungen: Bereits vor der ersten Zolldrohung stockten Schweizer Exporteure ihre US-Lager auf. Auch nach der Ankündigung der neuen 39%-Zölle am 31. Juli 2025 nutzten viele Unternehmen die verblei­bende Frist, um Waren noch vor Inkrafttreten in die USA zu senden. Dieses Verhalten verdeut­licht, wie stark Zölle und Drohkulissen Handels- und Investitionsentscheidungen prägen. Die zusätz­lichen Abgaben und die Unsicherheit über mögliche weitere Zölle – etwa auf Pharmaprodukte – sind Gift für Investitionen und belasten das wirtschaft­liche Klima. Unsere regio­nalen Ergebnisse sind vor diesem gesamt­wirt­schaftlich gedämpften Umfeld zu inter­pre­tieren.

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