US-Zölle: Regionale Betroffenheit
Veröffentlicht am: 15. Mai 2025 Letzte Aktualisierung: 08. August 2025
Die US-Einfuhrzölle auf Industriegüter und Rohstoffe von 39% treffen die Schweizer Wirtschaft. In diesem Beitrag analysieren wir, welche Schweizer Regionen am stärksten exponiert sind. Dazu berechnen wir einen Score für Kantone oder Gemeindetypen, der aufzeigt, welcher Teil der lokalen Wirtschaft direkt von den US-Zöllen betroffen ist. Für die Berechnung verknüpfen wir nationale Zolldaten, regionale Beschäftigtenzahlen mit dem Wüest-Partner-Wertschöpfungsmodell und wenden verschiedene Zollszenarien an.
US-Zölle auf Schweizer Industrieexporte: Der Stand der Dinge
Im Frühjahr 2025 hat die US-Regierung unter Präsident Trump neue handelspolitische Massnahmen ergriffen, die auch die Schweiz betreffen. Neben bestehenden Zöllen auf spezifische Warengruppen wie Aluminium, Stahl oder Fahrzeuge wurden Anfang April erstmals länderspezifische «Reciprocal Tariffs» eingeführt. Diese sollten für Länder mit hohem Handelsüberschuss gegenüber den USA gelten – darunter auch die Schweiz. Sie führten zu einem effektiven Zollsatz von 31% auf Schweizer Industrieexporte. Davon waren einzelne Warengruppen wie etwa Pharmaprodukte ausgenommen.
Am 9. April 2025 wurden diese länderspezifischen Aufschläge für 90 Tage ausgesetzt, was den Schweizer Zollsatz auf Industriegüter auf das universelle Niveau von 10% senkte. Dieser Schritt wurde von der US-Regierung als vertrauensbildende Massnahme im Vorfeld bilateraler Gespräche mit verschiedenen Handelspartnern, darunter die Schweiz, kommuniziert.
Seither hat Präsident Trump die Aussetzung der reziproken Zölle einmalig bis zum 1. August 2025 verlängert, um weiteren Verhandlungen Spielraum zu geben. Trotz intensiver Gespräche zwischen der Schweiz und den USA konnte keine Einigung erzielt werden, worauf das US-Handelsministerium nach Ablauf dieser Frist am 31. Juli 2025 neue Zusatzzölle von 39% auf die meisten Schweizer Industrieexporte ankündigte. Diese traten am 7. August 2025 in Kraft.
Der Aufschlag ist aussergewöhnlich hoch – beispielsweise liegt er mehr als doppelt so hoch wie der Zollsatz von 15%, den die USA auf EU-Güter erheben. Die in Annex II der Executive Order definierten Ausnahmen – etwa für Pharmazeutika, Halbleiter sowie Energie- und Rohstoffprodukte – bleiben ebenso in Kraft wie die sektoriellen Zusatzabgaben auf Stahl- und Aluminiumprodukte (50%), auf Fahrzeuge und Fahrzeugteile (25%) sowie auf Kupferhalbfabrikate und kupferintensive Folgeprodukte (50%).
Im Basisszenario gehen wir davon aus, dass die neuen US-Zölle in Höhe von 39% auf die meisten Schweizer Industrieexporte ab dem 7. August 2025 dauerhaft in Kraft bleiben. Ausnahmen bestehen für Pharmazeutika, Halbleiter sowie Energie- und Rohstoffprodukte, die weiterhin zollfrei in die USA importiert werden können. Ein sektorieller Zuschlag von 50% gilt für Stahl‑, Aluminium- und Kupferhalbfabrikate, während für Fahrzeuge und Fahrzeugteile 25% erhoben werden. Entsprechend ordnen wir jeder Branche den zutreffenden US-Zollsatz (0%, 25%, 39% oder 50%) zu.
Wir verteilen die nationalen Welt- und US-Warenexporte in CHF pro Branche proportional zu den regionalen Beschäftigtenanteilen auf Kantone und Gemeindetypen.[1] Wir berücksichtigen nicht nur die Exportquote, sondern auch die regionale Bedeutung der Zölle für die Wertschöpfung. Dafür nutzen wir das Wüest-Partner-Wertschöpfungsmodell, das für jede Region und Branche die Bruttowertschöpfung modelliert. Damit schwächen wir erstens Branchen und Regionen proportional ab, deren modellierte Bruttowertschöpfung im Verhältnis zu den Exporten klein ist. Dies ist etwa der Fall, wenn grosse Teile als Vorleistungen importiert werden. Zweitens berechnen wir den Anteil der Bruttowertschöpfung einer Branche an der gesamten regionalen Bruttowertschöpfung. Damit erhalten Wirtschaftszweige von grösserer wirtschaftlicher Bedeutung ein stärkeres Gewicht.
Wir berechnen für jede Region und Branche zunächst Teilscores, indem wir den zollbelasteten Exportanteil mit den beiden Wertschöpfungsfaktoren gewichten. Anschliessend summieren wir diese Teilscores branchenübergreifend auf und erhalten so einen Gesamt-Betroffenheits-Score pro Region. Diesen bringen wir auf eine Skala von 1 (schwach betroffen) bis 5 (sehr stark betroffen). Der Score ist nur innerhalb derselben räumlichen Ebene vergleichbar und muss immer relativ zu den anderen Regionen dieser Ebene betrachtet werden.
Zu beachten ist, dass unsere Analyse nicht erfasst, ob Schweizer Unternehmen über Zweigniederlassungen in den USA verfügen, die Teile der Produktion vor Ort übernehmen. Eine solche lokale Fertigung oder mögliche zukünftige Verlagerungen würden die regionale Betroffenheit durch die US-Zölle dämpfen. Mit den vorliegenden Daten lässt sich dieser Effekt jedoch nicht zuverlässig quantifizieren.
[1] Aufgrund der Datenverfügbarkeit setzen wir Beschäftigungsanteile als Proxy für die tatsächliche Exportverteilung nach Region ein, was leichte Abweichungen zur Realität verursachen kann.
Betroffenheit nach Gemeindetyp
Grossstädte sowie Tourismusregionen weniger betroffen
Abbildung 1 zeigt sehr deutlich, dass sich die US-Zoll-Exponierung nach dem strukturellen Profil der Gemeinden unterscheidet:
- Am stärksten exponiert sind vor allem industrielle und agrarische Gemeinden sowie Kleinstädte. Dort dominieren verarbeitende Betriebe und Präzisions- bzw. Maschinenindustrien mit hohem US-Exportanteil, was die Zollwirkung besonders stark ausfallen lässt. Die hohe Exportintensität in zollbelasteten Industriezweigen erklärt damit die Spitzenwerte.
- Am wenigsten belastet sind reiche Vorortgemeinden und vor allem Grossstädte sowie deren Agglomerationsgemeinden. Der Branchenmix von Ballungszentren wie etwa Zürich ist stark dienstleistungs- und finanzorientiert. Dadurch sind sie vergleichsweise wenig von US-Zöllen auf Industriegüter betroffen. Auch Tourismusregionen weisen eine tiefere Betroffenheit auf als industrielle Gemeinden.
Kantonale Betroffenheit
Nidwalden besonders exponiert
Der Kanton Nidwalden ist mit Abstand am stärksten von den US-Zöllen betroffen. Ausschlaggebend ist hier vor allem der Luftfahrtsektor – allen voran die Pilatus Flugzeugwerke AG mit Sitz in Stans. Die USA gehören zu ihren wichtigsten Absatzmärkten, und das Unternehmen ist stark exportorientiert. Dadurch weist der Kanton Nidwalden den mit Abstand höchsten Anteil der betroffenen US-Exporte auf. Diese starke US-Orientierung kombiniert mit einem überproportional hohen Anteil der Luftfahrtbranche an der gesamten kantonalen Bruttowertschöpfung führt zu diesem vergleichsweise hohen Exposure. Eine gerade für grosse Firmen gangbare Reaktion auf die Zölle ist allerdings die Gründung von Tochterfirmen vor Ort – eine Strategie, die die Pilatus Flugzeugwerke AG bereits vor Einführung der Zölle eingeschlagen hat.
Auf den Plätzen 2 bis 5 folgen:
- Der Kanton Jura mit seiner Uhren- und Präzisionsmaschinenindustrie, für welche die USA ein zentraler Absatzmarkt ist – beispielsweise Richard Mille SA. Mit über 20% der Beschäftigten in zollbetroffenen Branchen weist der Kanton Jura den höchsten Anteil aller Kantone auf.
- Obwalden, mit einer starken Hightech- sowie Lebensmittel- und Kunststoffindustrie, mit Unternehmen wie etwa der Nahrin AG oder Maxon Motors AG.
- Solothurn, dank bedeutender Maschinen- und Metallverarbeitung (z. B. in Olten und Grenchen).
- Appenzell Innerrhoden, mit bedeutendem Anteil an Elektro- und Maschinenindustrie. Dadurch machen zollbetroffene Branchen einen überdurchschnittlichen Anteil an der Bruttowertschöpfung des Kantons aus.
Ganz anders sieht es im Kanton Basel-Stadt oder in Aargau aus. Hier ist die Pharmaindustrie, die derzeit (noch) von US-Zöllen ausgenommen ist, so prägend, dass nur ein geringer Teil der Wertschöpfung den US-Zöllen ausgesetzt ist – selbst bei hohen US-Exportvolumina. In einem weiteren Szenario unterstellen wir, dass die Pharmaindustrie – wie bereits von der US-Regierung mehrmals angedroht – zukünftig denselben Standardtarif auf Industriegüter zahlen müsste.
Unsicherheit bei Pharma-Standorten
Wenden wir im zweiten Szenario den momentan geltenden US-Zoll-Standardtarif von 39% auch auf Pharmaprodukte an, verändert sich das Bild deutlich (Abbildung 3). Durch den Wegfall der Zollbefreiung der Pharmaindustrie weist der Kanton Basel-Stadt mit den globalen Playern Roche und Novartis den höchsten relativen Score auf. Schaffhausen folgt dicht darauf mit Johnson & Johnson als einem der wichtigsten Arbeitgeber des Kantons und einer der grössten pharmazeutischen Produzenten in der Schweiz.
Auch die Kantone Luzern, Freiburg, Waadt, Basel-Landschaft und Aargau verzeichnen im Szenario «Pharmazölle» eine markant höhere relative Betroffenheit. Sie alle verfügen über eine bedeutende Pharma‑, Biotech- oder Life-Science-Industrie, die nicht nur exportorientiert ist, sondern generell eine hohe Wertschöpfungsintensität aufweist. Basel-Landschaft ist stark mit dem Raum Basel verflochten. Luzern und Waadt beherbergen bedeutende Produktionsstätten internationaler Firmen (beispielsweise MSD bzw. Merck SA), und Aargau ist ein etablierter Standort forschungsnaher Life-Science-Unternehmen.
Gleichzeitig sinkt der relative Score des Kantons Nidwalden nur moderat ab: Die starke Exponierung in der Flugzeugindustrie bleibt unverändert hoch und verliert lediglich leicht an relativer Dominanz.
Insgesamt zeigt dieses Szenario wie sehr Zollregelungen gezielt eine Branche und ihre lokalen Wertschöpfungsnetzwerke treffen können – hier insbesondere das hoch spezialisierte Pharma-Cluster in der Nordwestschweiz.
Schlussfolgerungen
Unser relativer Score macht sichtbar, welche Schweizer Regionen im Zuge der US-Einfuhrzölle auf Industriegüter – und im erweiterten Szenario «Pharmazölle» auch auf Pharmaprodukte – besonders gefährdet sind. Im aktuellen Referenzszenario ist Nidwalden dank seiner exportstarken Luftfahrtindustrie am stärksten exponiert, gefolgt von Jura, Obwalden und Solothurn, wo Präzisions- und Maschinenindustrien dominieren. Dienstleistungs- und Finanzzentren wie etwa Zürich sowie rein touristisch geprägte Regionen sind dagegen weniger stark betroffen. Unter der Annahme eines 39%-Zolls auf Pharmaprodukte würde Basel-Stadt am stärksten unter den US-Zöllen leiden. Die Analyse verdeutlicht, dass nicht nur das Exportvolumen zählt, sondern insbesondere auch der Wertschöpfungsanteil darüber entscheidet, wie vulnerabel eine Wirtschaft gegenüber den protektionistischen Massnahmen aus Übersee ist.
Einordnung
Unsere Analyse konzentriert sich ausschliesslich auf die Unterschiede zwischen den Schweizer Regionen hinsichtlich der direkten Betroffenheit durch die US-Zölle – also ohne Berücksichtigung der Betroffenheit entlang der Lieferketten. Wir quantifizieren bewusst keine absoluten Schadens- oder Entlastungsbeträge, weil die tatsächliche Zollbelastung je nach Unternehmensgrösse, Lieferkettenstruktur und Verhandlungsposition stark variiert. Zahlreiche Exporteure können Zölle rechtlich oder operativ umgehen – etwa durch Re-Routing über Freihandelszonen, Vorwärtsverlagerung von Wertschöpfungsstufen oder die Nutzung von «First-Sale»-Regelungen. Diese firmenspezifischen Optimierungen liegen ausserhalb des Untersuchungsrahmens und könnten die ausgewiesenen regionalen Unterschiede abschwächen.
Seit der Ankündigung der US-Zölle zu Jahresbeginn hat sich das makroökonomische Umfeld durch höhere Unsicherheit verschärft. Der wöchentliche Aktivitätsindex vom SECO zeigte zwar Anfang 2025 nochmals einen kräftigen Ausschlag nach oben. Dieser wurde auch durch gestiegene Exporte im ersten Quartal 2025 gestützt (+4,4% real gegenüber Vorjahr). Ein möglicher Treiber dieses Impulses war das Vorziehen von Lieferungen: Bereits vor der ersten Zolldrohung stockten Schweizer Exporteure ihre US-Lager auf. Auch nach der Ankündigung der neuen 39%-Zölle am 31. Juli 2025 nutzten viele Unternehmen die verbleibende Frist, um Waren noch vor Inkrafttreten in die USA zu senden. Dieses Verhalten verdeutlicht, wie stark Zölle und Drohkulissen Handels- und Investitionsentscheidungen prägen. Die zusätzlichen Abgaben und die Unsicherheit über mögliche weitere Zölle – etwa auf Pharmaprodukte – sind Gift für Investitionen und belasten das wirtschaftliche Klima. Unsere regionalen Ergebnisse sind vor diesem gesamtwirtschaftlich gedämpften Umfeld zu interpretieren.