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Schweizer Arbeitsmarkt trotzt den Unsicherheiten

Veröffentlicht am: 14. Oktober 2026

Nach einer Schwächephase hat der Schweizer Arbeitsmarkt 2026 wieder deutlich an Dynamik gewonnen. Im 2. Quartal stieg die Zahl der Vollzeitäquivalente stärker als im langjäh­rigen Durchschnitt, gestützt durch die überra­schend robuste Konjunktur. Hinter dem Gesamtwachstum stehen jedoch unter­schied­liche Branchenentwicklungen: Während die Bau- und Immobilienbranche, Pharma sowie staatsnahe Bereiche zulegten, bleiben die übrige Industrie und der ICT-Sektor unter Druck. Insgesamt bleiben die Aussichten positiv: Wüest Partner rechnet sowohl für 2026 als auch für 2027 mit einem Beschäftigungswachstum von 1.4 %.

Beschäftigungswachstum gewinnt wieder an Dynamik

Nach der Abschwächung im vergan­genen Jahr hat das Beschäftigungswachstum 2026 wieder an Schwung gewonnen. Im 1. Quartal lag die Zahl der Vollzeitäquivalente saison­be­reinigt 1.1 % über dem Vorjahreswert. Im 2. Quartal beschleu­nigte sich das Wachstum auf 1.9 % und übertraf damit das Zehnjahresmittel von 1.3 % deutlich.

Zu berück­sich­tigen gilt, dass ein wesent­licher Teil des Beschäftigungswachstums auf die Vermittlung und Überlassung von Arbeitskräften (NOGA 78) entfiel. Dieser Wirtschaftszweig umfasst auch die Temporärarbeit und verzeichnete im 2. Quartal einen Anstieg der Vollzeitäquivalente um 20.4 %. Ohne diese Branche hätte das gesamt­schwei­ze­rische Wachstum 1.5 % betragen und damit weiterhin leicht über dem langjäh­rigen Durchschnitt gelegen.

Wirtschaftswachstum stärkt die Arbeitskräftenachfrage

Die Beschleunigung am Arbeitsmarkt steht im Einklang mit der überra­schend kräftigen Konjunkturentwicklung. Die Schweizer Wirtschaftsleistung wuchs im 2. Quartal 2026 real um 1.5 % gegenüber dem Vorquartal. Getragen wurde das Wachstum vor allem von der Industrie, insbe­sondere von der chemisch-pharmazeutischen Branche, während auch der Dienstleistungssektor positive Impulse setzten konnte.  Der weitere Konjunkturausblick bleibt ebenfalls günstig: Wüest Partner erwartet für 2026 ein Wachstum des realen BIP von 1.8 % und für 2027 von 1.5 %. Zugleich dürfte die Inflation mit jeweils 0.7 % in beiden Jahren tief bleiben.

Auch bei anderen Arbeitsmarktindikatoren mehren sich die Anzeichen einer anzie­henden Nachfrage: Die Unternehmen meldeten insgesamt 2.7 % mehr offene Stellen als vor einem Jahr. Im zweiten Sektor betrug die Zunahme sogar 21.8 %, während die Zahl der offenen Stellen im Dienstleistungssektor leicht zurückging.

Bau- und Immobilienbranchen mit kräftigen Wachstumsimpulsen

Die Bau- und Immobilienbranche zählt derzeit zu den Wachstumsstützen des Arbeitsmarkts. Der Wohnungsbau zieht an, während Arbeiten am Gebäudebestand zunehmend an Bedeutung gewinnen. Zusätzliche Impulse dürften ausserdem von vorge­zo­genen Renovationen im Zuge der bevor­ste­henden Abschaffung des Eigenmietwerts ausgehen. Die zuneh­mende Bautätigkeit trifft auf stark ausge­lastete Kapazitäten und trägt zusammen mit höheren Material‑, Energie- und Lohnkosten zu steigenden Baupreisen bei. Im Baugewerbe nahm die Beschäftigung im ersten Halbjahr 2026 um 2.2 % zu und damit deutlich stärker als im zehnjäh­rigen Mittel von 0.8 %. Sowohl der Hoch- und Tiefbau als auch das Ausbaugewerbe verzeich­neten in beiden bishe­rigen Quartalen deutliche Zuwächse. Auch die Preise für Wohneigentum stiegen weiter und unter­streichen das robuste Marktumfeld.

Noch dynami­scher entwi­ckelten sich die Architektur- und Ingenieurbüros. Ihre Beschäftigung nahm im 2. Quartal des aktuellen Jahres um 4.0 % zu, nach 4.7 % zu Jahresbeginn. Damit lag das Wachstum mehr als doppelt so hoch wie im Durchschnitt der vergan­genen zehn Jahre. Als vorge­la­gerte Branche profi­tiert sie frühzeitig von der zuneh­menden Planungs- und Projekttätigkeit im Neu- und Umbaubereich. Im Grundstücks- und Wohnungswesen beschleu­nigte sich das Wachstum auf 1.9 % im 2. Quartal 2026. Damit blieb die Dynamik zwar unter dem langjäh­rigen Mittel, erwies sich aber weiterhin als solide.

Für das kommende Jahr bleiben die Aussichten für das Baugewerbe positiv. Die realen Bauinvestitionen im Hochbau dürften 2027 um 3.7 % ansteigen. Die anhaltend hohe Bautätigkeit wird die Nachfrage nach Arbeitskräften weiter stützen. Allerdings begrenzen die bereits stark ausge­las­teten Kapazitäten die Möglichkeiten der Bauunternehmen, ihre Leistungen zusätzlich auszu­weiten.

Pharma bleibt der Wachstumsmotor der Industrie

Die Beschäftigung in der Pharmaindustrie nahm im ersten Halbjahr 2026 um 3.2 % zu. Damit setzte sich das kräftige Wachstum der vergan­genen zehn Jahre fort. In den übrigen Industriebranchen ging die Beschäftigung dagegen leicht zurück. Besonders schwach entwi­ckelten sich der Fahrzeugbau, die Gummi- und Kunststoffwarenindustrie, die Metallindustrie sowie die Herstellung elektri­scher Ausrüstungen.

Geteiltes Bild bei den Dienstleistungen

Das Gastgewerbe verzeichnete trotz struk­tu­reller Herausforderungen mit 3.3 % das stärkste Beschäftigungswachstum. Gastronomie und Dienstleistungen gewinnen gegenüber klassi­schen Non-Food-Nutzungen an Bedeutung. Innenstädte und Einkaufsgebiete entwi­ckeln sich zunehmend zu Aufenthalts- und Erlebnisräumen, in denen gastro­no­mische Angebote eine wichtige Rolle spielen.

Im ICT-Sektor ist die Beschäftigung seit Anfang 2025 rückläufig. Im ersten Halbjahr 2026 lag sie 2.1 % unter dem Vorjahreswert. Dies steht in deutlichem Kontrast zum durch­schnitt­lichen jährlichen Wachstum von gut 2 % in den vergan­genen zehn Jahren. Der ICT-Sektor umfasst die Informations- und Kommunikationstechnologien und damit unter anderem Telekommunikation, Softwareentwicklung, IT-Dienstleistungen und Datenverarbeitung. Neben einer Normalisierung dürften zurück­hal­tende IT-Investitionen und Produktivitätsgewinne durch künst­liche Intelligenz eine Rolle spielen. Die langfris­tigen Wachstumsaussichten bleiben für die Branche jedoch intakt (siehe dazu auch unseren Blogbeitrag).

Stabilisierend wirkten erneut die öffent­liche Verwaltung, das Bildungswesen sowie das Gesundheits- und Sozialwesen. Zusammen stellen sie rund ein Viertel der Beschäftigung. Der demogra­fische Wandel und der Ausbau öffent­licher Leistungen sorgen hier weiterhin für einen hohen Personalbedarf.

Zentralschweiz und Genferseeregion bleiben Wachstumstreiber

Das regionale Wachstumsmuster der vergan­genen Jahre setzte sich im ersten Halbjahr 2026 weitgehend fort. Mit einem Plus von 3.0 % in der Zentralschweiz und 2.5 % in der Genferseeregion wuchsen erneut jene beiden Grossregionen am stärksten, die bereits in den vergan­genen zehn Jahren die höchste Beschäftigungsdynamik aufge­wiesen hatten. Das Tessin war die einzige Grossregion, in der die Zahl der Vollzeitäquivalente im ersten Halbjahr 2026 zurückging.

Ausblick

Das ausser­or­dentlich starke Wachstum im 2. Quartal zeigt einmal mehr die hohe Widerstandsfähigkeit der Schweizer Wirtschaft. Die breite Erholung der Binnennachfrage und die Aufhellung in der Industrie sprechen für eine weiterhin robuste Entwicklung. Gleichzeitig bleiben geopo­li­tische Unsicherheiten, die verhaltene Auslandnachfrage und der starke Franken Belastungsfaktoren. Für 2027 dürfte die erwartete Belebung der europäi­schen Konjunktur zusätzlich leichte Impulse liefern. Vor diesem Hintergrund rechnet Wüest Partner sowohl für 2026 als auch für 2027 mit einem Wachstum der Vollzeitäquivalente von 1.4 %.

Die langfris­tigen Perspektiven auf dem Schweizer Arbeitsmarkt unter­scheiden sich regional deutlich. Das stärkste Wachstum erwarten wir insbe­sondere in den wirtschaftlich dynami­schen Zentren und ihren gut erschlos­senen Agglomerationen. In vielen ländlichen und alpinen Regionen dürfte die Zahl der Vollzeitäquivalente dagegen nur leicht zunehmen oder zurück­gehen. Damit setzt sich das bereits in der jüngeren Vergangenheit beobachtete regionale Wachstumsmuster auch in den kommenden zehn Jahren fort.

Fazit

Der Schweizer Arbeitsmarkt hat 2026 nach einer kurzen Schwächephase im letzten Jahr wieder deutlich an Schwung gewonnen. Besonders dynamisch zeigten sich die Pharmaindustrie, das Gast- und das Baugewerbe sowie die staats­nahen Bereiche. Dagegen blieben die übrige Industrie und der ICT-Sektor unter Druck. Regional bestä­tigten die Zentralschweiz und die Genferseeregion ihre Rolle als Wachstumstreiber. Zusammen mit der ausser­or­dentlich starken Wirtschaftsleistung im 2. Quartal unter­streicht dies einmal mehr die Widerstandsfähigkeit der Schweizer Unternehmen. Auch für die kommenden Quartale bleiben sowohl die Konjunktur- wie auch die Beschäftigungsaussichten robust.

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