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Kreislaufwirtschaft in der Baubranche: der Schlüssel zur Erreichung von Netto-Null

Veröffentlicht am: 19. März 2024 Letzte Aktualisierung: 23. März 2026

City, Architecture, Building

In der Schweiz entfallen rund 50% des Gesamtressourcenverbrauchs auf die Baubranche. Die Erreichung der ambitio­nierten Netto-Null-Ziele 2050 erfordert zwingend die Umsetzung zirku­lärer Prinzipien.

Anlässlich eines Wüest Partner Events im Januar 2024 disku­tierten 50 Entscheidungsträger:innen aus der Bau- und Immobilienwirtschaft die Transformation von einer linearen zu einer zirku­lären Bauwirtschaft.

Von nachhaltiger zu zirkulärer Wertschöpfung
Keynote von Martin Pauli, Global Circular Economy Services Leader bei ARUP

Die Bauwirtschaft hat durch den hohen Ressourcenverbrauch einen massgeb­lichen Einfluss auf die Zukunft unserer Ökosysteme. Dabei sollte der Anspruch über den Ressourcen-Erhalt und nachhal­tiges Wirtschaften hinaus­gehen. Denn eine adaptive und regene­rative Bauwirtschaft, die nicht nur ökolo­gische Einbussen verhindert, sondern ökolo­gische Gewinne ermög­licht, ist das Ziel.

Politik als Treiber der Transformation

Entlang der Wertschöpfungskette sind verschiedene Haltungen zum Thema Kreislaufwirtschaft zu beobachten. Klar ist jedoch mittler­weile, dass der Trend hin zu einer zuneh­menden politi­schen Regulierung geht. Der politische Hebel beginnt bei Reportingpflichten und reicht hin zu Emissions-Grenzwerten, die einige europäische Länder bereits definiert haben, darunter die Niederlande, Dänemark, Frankreich und Finnland. Die Ambition, bis spätestens 2050 Netto-Null zu erreichen, ist nur durch die Umsetzung zirku­lärer Prinzipien zu erreichen.

Hebel im zirkulären Neubau

Um diese Ambition zu erreichen, gibt es drei Handlungsfelder:

Mengenreduktion

  • Bewusste Bedarfsdefinition
  • Verzicht auf unnötige Komponenten
  • Erhöhung der Material- bzw. Ressourceneffizienz

Langfristig werterhaltend bauen

  • Nutzungen überlagern und verdichten
  • Whole Life Cycle Costs berück­sich­tigen
  • Adaptionsfähigkeit ermög­lichen
  • Rückbaubarkeit ermög­lichen (Design für Disassembly)

Einsatz kreis­lauf­fä­higer Materialien

  • Reduktion des Primärrohstoffbedarfs
  • Reduktion von umwelt­be­las­tenden Materialien und Produkten
  • Reduktion von emissi­ons­in­ten­siven Materialien und Produkten

Eine heraus­ra­gende Referenz für zirku­läres Bauen in der Schweiz ist der Bürobau K118 in Winterthur (https://www.insitu.ch/projekte/196-k118-kopfbau-halle-118), welcher für die Stiftung Abendrot gebaut wurde. Auf dem Lagerplatz Winterthur wurde eine bestehende Lagerhalle aufge­stockt und dabei voll auf die Wiederverwendung von Bauteilen gesetzt. Hierbei kehrte sich der klassische Planungsprozess um, sodass nicht das Material nach dem Entwurf bestellt wurde, sondern der Entwurf sich in Abhängigkeit der verfüg­baren Materialien und Bauteile iterativ entwi­ckelt hat. Zirkular GmbH als Fachplanungsbüro für zirku­läres Bauen hat die Koordination der Bauteilsuche, ‑prüfung und ‑logistik ermög­licht. Zirkuläres Bauen in diesem Sinn führt zur Revision tradi­tio­neller Planungsphasen, Prozesse und Rollenverständnisse.

Wiederverwendung führt zu neuem Phasen- und Rollenverständnis
Basil Rudolf, Dipl.Ing.FH, Bautechnik/-physik/-biologie, ReUse Fachexperte bei Zirkular GmbH

Durch diese neuen Planungs- und Bauprozesse entstehen neue Berufsbilder, wie etwa der Beruf des Bauteiljägers, der ReUse Expertin, Bauleiter kreis­lauf­ge­rechtes Bauen, Bauphysikerin Kreislaufwirtschaft, Bauingenieur Rückbau zur Wiederverwendung oder Fachplanerin ReUse.

Wie sieht das neue Phasenverständnis aus?

In Phase 0 legen Auftraggeber:in, Fachplaner:in oder Architekt:in die Anforderungen fest. Die Fachplanung für ReUse definiert provi­so­rische Suchprofile, die den Bedarf des geplanten Bauprojekts abdecken. Nach einer Freigabe von jetzigen Eigentümern und der Bestätigung der defini­tiven Anforderungen durch den Auftraggebenden werden in Phase 1 detail­lierte Suchprofile durch die Fachplanung ReUse erstellt. Während der Bauteilsuche werden die gefun­denen Bauteile auf deren zeitliche Verfügbarkeit geprüft.

Geben die Auftraggebenden die verbind­liche Bestellung mit Zielkosten auf, beginnt die Beschaffung, die rechtlich abgesi­chert werden muss.

Was sind rechtliche und logistische Herausforderungen?

Die recht­liche Absicherung der Weitergabe ist zentral für die Planungssicherheit. Nur so können Projekte kosten­ef­fi­zient und termin­ge­recht umgesetzt werden. Dies kann durch eine Absichtserklärung und später durch eine Übergabevereinbarung geregelt werden. Weitere recht­liche Herausforderungen bestehen bei der Frage nach Fachplanungsverträgen für ReUse, sowie für die Demontage (Rückbauvertrag und Vereinbarung der Duldung der Demontage durch die Rückbauunternehmung) und die Logistik, während Bauteile von einem Bau zum nächsten gelangen. Kann der Übergabevertrag abgeschlossen werden, wird der Rückbau, die Prüfung, die Einlagerung und anschliessend der Wiedereinbau veran­lasst.

Entstehen mehr Kosten oder Erträge durch Bauteilwiederverwendung?

Heute bestehen noch keine Standards für die Übernahme von Bauteilen: teils bekommen Bauteilnehmer Geld, da Entsorgungskosten gespart werden, teils muss für Bauteile gezahlt werden und ein anderes Mal können Bauteile kostenfrei rückgebaut werden.

Zirkular hat die bishe­rigen Erfahrungen von Bauprojekten mit wieder­ver­wen­deten Bauteilen ausge­wertet und kommt zum Schluss, dass die Gebäudekosten durch die Wiederverwendung von Bauteilen nicht höher sind als bei der konven­tio­nellen Bauweise. Die Aufwendungen für die Bauteilbeschaffung sind in den Materialpreisen einge­rechnet. Lediglich die Planungskosten sind 8–15% höher.

Vom Altbau zur urbanen Mine
Dr. Meliha Honic, Postdoctoral Fellow, ETH Zürich

Versteht man Bauwerke nicht mehr als statische, sondern als dynamische Systeme, wird die Stadt zum Bauteillager, zur urbanen Mine und jedes Bauteil ein mögliches Quellobjekt für ein neues Bauvorhaben.

Eine grosse Herausforderung bei der Bauteilsuche stellt häufig der Mangel an Informationen zu Materialien und deren Eigenschaften dar. Die Lösung sind Gebäuderessourcenpässe bzw. Materialpässe, die ein Gebäude quali­tativ und quanti­tativ präzise dokumen­tieren, sodass die Wiederverwendung von Materialien verein­facht wird. Dank 3D-Scans bzw. Digitalisierung entstehen grosse Mehrwerte.

Materialpass als Optimierungswerkzeug

Ein besonders grosser Mehrwert entsteht durch die Digitalisierung von Gebäuden in der Planungsphase. So können nicht nur Materialmengen, deren Ort, deren konstruk­tiver Verbund mit anderen Bauteilen, deren Hersteller, Garantien, Kosten, sondern auch die darin enthaltene graue Energie model­liert werden. Dies trifft sowohl auf Neubauprojekte als auch den Umbau von bestehenden Bauten zu.

Da im Bestand aller­dings meist die Daten zu Materialien fehlen, helfen Modelle, die anhand von Wahrscheinlichkeiten die Materialisierung von Gebäuden prognos­ti­zieren.

Hohe Dynamik in Richtung Kreislaufwirtschaft

Zusammenfassend kann die Kreislaufwirtschaft also als Schlüssel zur Erreichung der Ambition «Netto-Null» verstanden werden. Bei einigen Pionieren ist das Thema Kreislaufwirtschaft bereits im Alltag angekommen und es wird heute zirkulär gebaut. Dabei muss nicht zwingend mit Mehrkosten durch Bauteilwiederverwendung gerechnet werden. Durch den Handlungsbedarf sind alle Akteure entlang der Wertschöpfungskette motiviert, die Transformation von linearen zu zirku­lären Prozessen voran­zu­treiben.

In dieser Thematik bietet Wüest Partner folgende Dienstleistungen an
Strategie und Beratung
  • Definition von Anforderungen und Zielen im Bereich Kreislaufwirtschaft für die Projektentwicklung und Planung
  • Szenarioanalysen für konkrete Bauprojekte in Bezug auf Zirkularität, graue Energie, Kosten, Erträge, Risiken
  • Strategien zum Bestandserhalt und ‑erneuerung
  • Entwicklung von Leitfäden und Konzepten auf Portfolio- oder Unternehmensebene für das Thema Kreislaufwirtschaft
  • Identifikation von Potenzialen und Erarbeitung von Handlungsfeldern
Reporting, Compliance und Training
  • CO2-Absenkpfad
  • Circularity Reporting und Rating, Zertifizierungen
  • Monitoring von Ressourcenverbrauch und grauen Emissionen bei Sanierungen und Neubauten
  • Portfolioanalyse hinsichtlich Ressourcen/Baumaterialien
  • Erstellung von Gebäuderessourcenpässen
  • Schulungen und Kurse

Sind Sie an weiteren Informationen oder einem Austausch inter­es­siert? Hier finden Sie Informationen zu den nächsten Events der Veranstaltungsreihe «Immobilien und Energie». (https://www.wuestpartner.com/ch-de/wuest-academy/immobilien-und-energie/)

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