Weiter zum Ihnhalt

US-Zölle und Schweizer Konsu­men­ten­preise: Welche Kanäle wirken?

Veröffentlicht am: 04. April 2025 Letzte Aktualisierung: 08. August 2025

Das am 7. August 2025 in Kraft getretene US Zollpaket setzt die erfolg­reichen Schweizer Export­in­dus­trien vor grosse Heraus­for­de­rungen. Die USA erheben damit Import­zölle von 39 Prozent auf Schweizer Maschinen, Uhren oder Präzi­si­ons­in­stru­mente (pharma­zeu­tische Erzeug­nisse sind zwar vorerst ausge­nommen, könnten aber zukünftig auch betroffen sein). Der Zollhammer hat mit voller Wucht zugeschlagen.  Dieser Blog fokus­siert auf einen spezi­fi­schen Aspekt dieses schwel­lenden Handels­kon­flikts – den Effekt auf die Schweizer Konsu­men­ten­preise.

Der Begriff „Handels­kon­flikt“ weckt intuitiv die Erwartung steigender Preise. Die Schwei­ze­rische Natio­nalbank (SNB) hat aber bei ihrer geldpo­li­ti­schen Lagebe­ur­teilung im Juni 2025 die Zinsen gesenkt und die Notwen­digkeit betont, mit ihrer Geldpo­litik einer drohenden Deflation entge­gen­zu­wirken. Dieser Blog beleuchtet, inwiefern Zollstrei­tig­keiten zwischen bedeu­tenden Handels­blöcken die Inflation in der Schweiz beein­flussen.

Direkte und indirekte Effekte auf den Konsu­men­ten­preis­index

Auf den ersten Blick erscheint es plausibel: Höhere Zölle verteuern impor­tierte Produkte unmit­telbar. Zudem fällt der Wettbewerb zwischen den verschie­denen Anbietern weniger intensiv aus und etablierte Liefer­ketten geraten ins Wanken. Doch der Effekt des Handels­kon­flikts auf den Schweizer Konsu­men­ten­preis­index (LIK) ist komplexer, das zeigen nachfol­gende Überle­gungen, die auch indirekte Wirkungen berück­sich­tigen.

Import­zölle und Konsu­men­ten­preise

Für die Schweiz stehen derzeit die Import­zölle seitens der USA im Fokus. In erster Linie führen diese Zölle zu höheren Preisen für die Konsu­menten in den USA, welche die Import­zölle erheben.

Bei Import­zöllen auf Konsum­gütern wie Autos oder Wein steigen die Konsu­men­ten­preise im impor­tie­renden Land unmit­telbar an. Viele Waren – wie etwa Stahl oder elektro­nische Bauteile – werden aber nicht von privaten Konsu­menten, sondern haupt­sächlich zwischen Unter­nehmen gehandelt. Wird bei solchen Indus­trie­gütern ein Importzoll erhoben, erfolgt die Wirkung indirekt. Ein Beispiel: Ein US-Bauunternehmen impor­tiert aus China Solar­panels und Wechsel­richter für die Instal­lation von Photo­vol­ta­ik­an­lagen, auf welche im Zuge von Handels­strei­tig­keiten substan­zielle Import­zölle erhoben werden. Diese zusätz­lichen Kosten erhöhen unmit­telbar die Ausgaben des US-Unternehmens. Im nächsten Schritt versucht dieses, die Mehrkosten entlang der Liefer­kette weiter­zu­geben, was Neubauten und Sanie­rungen verteuert. Aller­dings fliessen die Baukosten nicht direkt in den Konsu­men­ten­preis­index ein – dieser bildet vielmehr die Wohnkosten ab. Zudem beein­flussen erhöhte Baukosten das generelle Mietpreis­niveau nicht unmit­telbar, da dieses stark von der Zahlungs­be­reit­schaft der Wohnungs­su­chenden abhängt.

Es ist nicht zu erwarten, dass die Schweiz eigene Import­zölle auf Indus­trie­güter einführen wird. Für Schweizer Impor­teure und Konsu­menten wird es infolge der US-Zölle daher nicht unmit­telbar teurer. Aller­dings kann oben beschrie­bener Mecha­nismus dazu führen, dass Vorpro­dukte, welche Schweizer Firmen aus den USA impor­tieren, teurer einge­kauft werden müssen. Ausserdem stellen Zölle auf Indus­trie­güter in einer globa­li­sierten Welt einen Brems­klotz für das Wirtschafts­wachstum dar. Sie gefährden etablierte Liefer­ketten, da Zulie­fer­be­zie­hungen unter den verän­derten Voraus­set­zungen neu evaluiert werden müssen und verteuern damit die Produktion. Wie Störungen in den Liefer­ketten zu Produk­ti­ons­lücken führen können, zeigte sich im Rahmen der Corona-Krise. Die Knappheit bestimmter Güter war ein wesent­licher Grund für den auch in der Schweiz beträcht­lichen Anstieg der Konsu­men­ten­preise.

Preis­ge­staltung inter­na­tio­naler Firmen

US-Importzölle könnten in der kurzen Frist auch dazu führen, dass betroffene asiatische, europäische und schwei­ze­rische Unter­nehmen hierzu­lande ihre Preise senken, um das aufgrund der sinkenden Nachfrage aus den USA entste­hende Überan­gebot loskriegen. Das würde in der Schweiz infla­ti­ons­hemmend wirken.

Mittel­fristig könnte sich dieser Effekt jedoch umkehren. Da die USA als Absatz­markt aufgrund der Import­zölle zukünftig geringere Profite verspricht und auch um die Preise global einiger­massen einheitlich zu halten, könnten inter­na­tionale Firmen mittel­fristig zum Schutz ihrer Margen ihre Preise in anderen Absatz­märkten erhöhen. Dies könnte sich preis­treibend auf den Schweizer Konsum­gü­ter­markt auswirken.

Dämpfende Effekte über globale Nachfrage und Energie­preise

Ein weiterer wesent­licher Kanal wirkt über die globale Nachfrage. Handels­strei­tig­keiten schaffen Unsicherheit, verringern Inves­ti­tionen und schwächen den Welthandel. Sinkt die weltweite Nachfrage nach Gütern, reduziert sich in der Regel auch der Bedarf an Rohstoffen und Energie – darunter Erdöl. Eine geringere Nachfrage nach Energie führt häufig zu sinkenden Energie­preisen, was wiederum die Infla­ti­onsrate in der Schweiz dämpft.

Die bedeu­tende Rolle des Wechsel­kurses

Seit Ankün­digung des Zollpakets am 2. April hat der US-Dollar abgewertet, ‑6% gegenüber dem Euro und ‑9% gegenüber dem Schweizer Franken, der in unsicheren Zeiten als Safe-Haven-Währung begehrt ist. In Krisen­zeiten flüchten Anleger in sichere Anlagen, wie Gold oder eben den Schweizer Franken. Diese erhöhte Nachfrage führt zu einer Aufwertung des Frankens gegenüber anderen Währungen, wodurch impor­tierte Güter in der Schweiz preis­werter werden und die Inflation somit dämpft. Auch gegenüber dem Euro dominierte zuerst dieser Safe-Haven-Effekt des Frankens. Der Franken wertete gegenüber dem Euro seit April um 3% auf. Als Reaktion auf die nun deutlich höheren US-Zölle für die Schweiz als für die EU und der damit verbunden stärkeren Eintrübung der Schweizer Konjunktur hat der Franken diese Aufwertung jüngst aber teilweise wieder verloren.    

Einma­liger Sprung oder Infla­ti­ons­spirale

Bei der Einführung von Import­zöllen kommt es zu einem einma­ligen Anstieg des Preis­ni­veaus. Anhal­tende Inflation hingegen bedeutet, dass die Preise über mehrere Jahre hinweg steigen. Sobald die neuen Zollkosten in das Preis­niveau einge­preist sind, norma­li­siert sich die Infla­ti­onsrate in der Regel wieder – sofern keine weiteren Zölle oder Preis­schocks folgen. Solange sich der Handels­krieg nicht weiter hochschaukelt und eine Infla­ti­ons­spirale in Gang gesetzt wird, führen Import­zölle nicht automa­tisch zu einer dauerhaft höheren Inflation, sondern bewirken vor allem einmalige Anpas­sungen im Preis­gefüge.

Fazit: Geringer Effekt auf Schweizer Konsu­men­ten­preise

Der Einfluss eines Handels­kon­flikts auf die Konsu­men­ten­preise in der Schweiz ist vielschichtig und verläuft über verschiedene Kanäle. Insgesamt dürfte der Effekt von US-Importzöllen auf die Schweizer Konsu­men­ten­preise aber nicht allzu­gross sein – zumindest solange die Schweiz keine eigenen Import­zölle einführt und der Franken stark bleibt. Ungeachtet dessen ist der aktuelle Protek­tio­nismus eine grosse Belas­tungs­probe für die Schweiz als Export­champion und kleine, offene Volks­wirt­schaft. Da mag es eine gewisse Genug­tuung sein, dass in all diesen Turbu­lenzen nicht auch noch mit einer hohen Inflation in der Schweiz zu rechnen ist.

Bedeutung für den Schweizer Immobi­li­en­markt

Inflation und Infla­ti­ons­er­war­tungen spielen im Schweizer Immobi­li­en­markt eine zentrale Rolle, da sie die Zinsent­wicklung massgeblich beein­flussen – was wiederum Immobi­li­en­preise, Mieten und die Bautä­tigkeit prägt. Steigende Infla­ti­ons­er­war­tungen führen häufig zu höheren Zinsen, was die Finan­zie­rungs­kosten von Entwick­lungs­pro­jekten sowie die Rendi­te­er­war­tungen von Inves­toren erhöht. Zugleich ist die aufge­laufene Inflation relevant für laufende Mietver­träge: Viele Schweizer Mietver­träge sind infla­ti­ons­ge­schützt, und gemäss Schweizer Mietrecht dürfen Vermieter die aufge­laufene Teuerung zu 40% in Form von Mietz­ins­an­pas­sungen weiter­reichen. Der Schweizer Immobi­li­en­markt reagiert demnach empfindlich auf Infla­ti­ons­be­we­gungen. Aufgrund des Handels­kon­flikts droht aber zumindest über diesen Kanal keine allzu grosse Gefahr.

Mehr ökono­mische Analysen und deren Auswir­kungen auf den Schweizer Immobi­li­en­markt erfahren Sie beispiels­weise am Wüest Academy Fachkurs «Grund­lagen Immobi­li­en­markt: Markt­ver­ständnis in a nutshell» am 9. September 2025 in Zürich.

Kontak­tieren Sie unsere Experten für weitere Insights