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Zwischen Zinssen­kungen und Risiko­auf­schlägen: Aktuelle Trends in Europas Immobi­li­en­märkten

Veröffentlicht am: 20. November 2025

Die Länder der Eurozone bewegen sich in einem Spannungsfeld: Einer­seits wurde der Leitzins der EZB auf 2.0 % gesenkt und anschliessend stabi­li­siert, anderer­seits steigen die langfris­tigen Anlei­he­ren­diten – befeuert durch hohe Staats­aus­gaben, wachsende Schul­den­stände und politische Unsicher­heiten. Dieser Beitrag zeigt auf, wie sich die Immobi­li­en­märkte in diesem Umfeld entwi­ckelt haben und welche Perspek­tiven sich daraus ergeben.

Geldpo­litik der EZB: Still­stand auf tiefem Niveau

Zwischen Juni 2024 und Juni 2025 senkte die EZB den Leitzins in mehreren Schritten (insgesamt acht Zinssen­kungen im gesamten Locke­rungs­zyklus) von 4 % auf 2 % per 11. Juni 2025. Seither bleibt der Zinssatz unver­ändert – auch an der Sitzung vom 30. Oktober, womit die Zentralbank zum dritten Mal in Folge eine Pause einlegte.

Dieser Entscheid steht vor dem Hinter­grund einer Infla­ti­onsrate im Euroraum, die sich dem 2 %-Ziel nähert, sowie einer moderaten Wachs­tums­er­wartung (rund 1 % reales BIP-Wachstum für 2026). Da die Teuerung nicht mehr stark beschleunigt und das Wachstum zwar verhalten, aber positiv bleibt, sieht die EZB derzeit keinen unmit­tel­baren Handlungs­bedarf. Real – also um die erwartete Einjah­res­in­flation im Euroraum bereinigt – liegt der Leitzins nahe bei null und damit leicht über ihrem 20-Jahres-Durchschnitt von −1.1 %.

Steigende Renditen von Staats­an­leihen

Die Renditen europäi­scher Staats­an­leihen sind in den vergan­genen Monaten deutlich gestiegen. Ausschlag­gebend dafür sind wachsende öffent­liche Schul­den­stände sowie die Erwartung weiterer Schul­den­aus­wei­tungen infolge höherer Vertei­di­gungs­aus­gaben in den kommenden Jahren.

Nachdem die Rendite der 10-jährigen Bundes­an­leihe Deutsch­lands im Dezember 2024 noch bei rund 2.1 % lag, zeigte sie im Verlauf von 2025 eine wechsel­hafte Entwicklung: ein Anstieg zu Jahres­beginn, ein vorüber­ge­hender Rückgang zur Jahres­mitte und anschliessend ein erneuter Anstieg auf rund 2.7 % im November. Verstärkt wurde dieser Trend durch die Ankün­digung der Bundes­re­gierung im März 2025, einen Sonder­fonds von 500 Milli­arden Euro für Infrastruktur‑, Klimaneutralitäts- und Vertei­di­gungs­in­ves­ti­tionen aufzu­legen.

In Frank­reich bleibt die politische Unsicherheit ausser­ge­wöhnlich hoch. Die Regierung sieht sich angesichts der angespannten Haushalts­ver­hand­lungen für 2026 fortlaufend mit dem Risiko eines Misstrau­ens­votums konfron­tiert. Die Schul­den­quote ist seit der Pandemie von 98 % auf 116 % im 2. Quartal 2025 gestiegen und dürfte sich in den kommenden Jahren der Marke von 120 % annähern.

Anhal­tende Haushalts­de­fizite, schwaches Wachstum und hohe Zinslasten erschweren die Stabi­li­sierung und den Abbau der Schulden. Gleich­zeitig macht das Fehlen einer stabilen Parla­ments­mehrheit – sowie die im Vergleich zu Deutschland geringere Tradition funktio­nie­render Koali­tionen – die Umsetzung strikter fiskal­po­li­ti­scher Reformen zunehmend anspruchsvoll.

Vor diesem Hinter­grund senkte Fitch Ratings am 12. September 2025 das langfristige Länder­rating Frank­reichs von AA– auf A+. S&P Global Ratings folgte am 17. Oktober 2025 mit einer identi­schen Herab­stufung von AA– auf A+. Moody’s bestä­tigte zwar sein Rating von Aa3, setzte den Ausblick am 24. Oktober 2025 jedoch auf negativ.

In der Folge sind die Renditen franzö­si­scher 10-jähriger Staats­an­leihen auf ein erhöhtes Niveau gestiegen und dürften kurzfristig dort verharren. Der Rendi­te­ab­stand zwischen franzö­si­schen und deutschen 10-jährigen Anleihen hat sich auf rund 80 Basis­punkte ausge­weitet – ein Ausdruck der höheren Risiko­prämie, die gegen­wärtig für franzö­sische Staats­an­leihen verlangt wird.

Hypothe­kar­zinsen für Wohnkäufe

Die Hypothe­kar­zinsen der Banken orien­tieren sich im Wesent­lichen an drei Grössen: den kurzfris­tigen Finan­zie­rungs­kosten (eng an den EZB-Leitzins gekoppelt), den langfris­tigen Refinan­zie­rungs­kosten (beein­flusst durch die Renditen 10-jähriger Staats­an­leihen) sowie den Infla­ti­ons­er­war­tungen und dem indivi­du­ellen Kredit­risiko der Kundinnen und Kunden.

In Deutschland erreichten die Hypothe­kar­zinsen für Wohnkäufe Ende 2023 mit 4.2 % ihren Höchst­stand. Die anschlies­sende Lockerung der Geldpo­litik senkte die Refinan­zie­rungs­kosten der Banken, was zu tieferen Hypothe­kar­zinsen führte. In den letzten Monaten sind sie jedoch wieder leicht gestiegen – ein Spiegelbild der höheren langfris­tigen Anlei­he­ren­diten.

In Frank­reich sanken die Hypothe­kar­zinsen 2024 im Zuge rückläu­figer Inflation und niedri­gerer Leitzinsen, verharrten seit März 2025 jedoch stabil bei rund 3 %. Obwohl die EZB im April und Juni 2025 zwei weitere Zinsschritte nach unten vollzog, haben sich franzö­sische Hypothe­kar­zinsen bislang kaum weiter vergünstigt – ihre langfris­tigen Finan­zie­rungs­kosten steigen zeitgleich, was dämpfend wirkt.

Inter­es­san­ter­weise liegen die franzö­si­schen Hypothe­kar­zinsen trotz höherer Renditen franzö­si­scher Staats­an­leihen weiterhin leicht unter dem deutschen Niveau. Dafür dürften mehrere Faktoren verant­wortlich sein: Die Infla­ti­ons­er­war­tungen sind in Frank­reich tiefer (für 2026: 1.5 % gegenüber 2.2 % in Deutschland), der Wettbewerb unter den franzö­si­schen Banken ist stark ausge­prägt, und die üblichen Laufzeiten sind kürzer (30-jährige Kredite sind in Deutschland weit verbreitet, in Frank­reich beträgt die maximale Laufzeit in der Regel 25 Jahre).

In Frank­reich scheint der jüngste Anstieg der 10-jährigen Staats­an­lei­he­ren­diten primär von einer höheren Risiko­prämie getrieben zu sein – Ausdruck politi­scher und fiska­li­scher Unsicherheit – und weniger von gestie­genen kurzfris­tigen Finan­zie­rungs­kosten der Banken. Franzö­sische Banken greifen weiterhin auf kurzfristige Refinan­zie­rungen am Inter­ban­ken­markt (z. B. auf Euribor-Basis) zurück, die gegen­wärtig günstiger sind, als es die länger­fris­tigen Staats­an­lei­hen­zinsen vermuten lassen.

Parallel dazu zeigen sowohl der franzö­sische als auch der deutsche Wohnim­mo­bi­li­en­markt im Jahr 2025 erste Erholungs­ten­denzen. In Deutschland stiegen die Wohnim­mo­bi­li­en­preise im 2. Quartal 2025 gegenüber dem Vorjahr um rund 3.2 % und signa­li­sieren damit eine gewisse Wieder­be­lebung. In Frank­reich haben die Trans­ak­ti­ons­vo­lumen zugenommen, und die Preise haben sich im Jahres­ver­gleich stabi­li­siert, auch wenn die Erholung noch verhalten ausfällt. Aller­dings könnte der jüngste Anstieg der Finan­zie­rungs­kosten in Deutschland die Nachfrage künftig wieder bremsen.

Prime-Yields bei Büroflächen – Paris CBD: Robust trotz Turbu­lenzen

Das Central Business District (CBD) von Paris zeigt sich trotz der jüngsten politi­schen und wirtschaft­lichen Turbu­lenzen bemer­kenswert wider­stands­fähig. Der Anstieg der Spitzen­ren­diten in den Jahren 2022–2023 folgte zwar dem breiteren Zinsan­stieg auf dem Kapital­markt, doch reagierten die Immobi­li­en­ren­diten deutlich weniger ausge­prägt: Während die Rendite franzö­si­scher Staats­an­leihen zwischen Ende 2021 und Mitte 2025 um über 300 Basis­punkte zulegte, erhöhten sich die Spitzen­ren­diten im CBD lediglich um rund 130 Basis­punkte.

Seit Anfang 2024 haben sich die Spitzen­ren­diten bei etwa 4.0 % stabi­li­siert, während die Spitzen­mieten weiter gestiegen sind – ein Hinweis auf anhal­tende Nachfrage und hohes Inves­to­ren­ver­trauen. Dadurch hat sich der nominale Spread zwischen Spitzen­ren­diten und Staats­an­lei­he­ren­diten auf lediglich 70 Basis­punkte verengt – der tiefste Wert seit zehn Jahren. Die enge Spanne spiegelt einer­seits die gestiegene Risiko­prämie auf franzö­si­schen Staats­an­leihen wider, unter­streicht anderer­seits aber das Vertrauen in die wirtschaft­lichen Funda­men­tal­daten und die langfris­tigen Perspek­tiven des Standorts Paris.

In La Défense hingegen stiegen die Renditen 2024 weiter an und erreichten im ersten Halbjahr 2025 6.4 %. Hohe Leerstands­quoten (15.4 %) und eine verhaltene Beschäf­ti­gungs­ent­wicklung bremsen die Nachfrage und drücken auf die Zahlungs­be­reit­schaft der Nutzer.

Deutscher Markt: deutli­chere Korrektur, erste Erholungs­ten­denzen

In den grossen deutschen Städten haben sich die Spitzen­ren­diten stärker ausge­weitet als in Paris – seit Ende 2021 um 210 Basis­punkte in Berlin und 190 Basis­punkte in München – obwohl der Anstieg der Staats­an­lei­he­ren­diten mit +280 Basis­punkten geringer ausfiel. Der deutsche Markt wurde von den Zinsan­he­bungen 2022–2023 stärker getroffen: Inves­ti­ti­ons­vo­lumen gingen zurück, und die Anleger­nach­frage zeigte sich ausge­sprochen verhalten.

Im ersten Halbjahr 2025 setzte jedoch eine Erholung ein, sichtbar in steigenden Trans­ak­ti­ons­vo­lumen. Gleich­zeitig bleiben Leerstände und Angebot hoch; unter anderem, weil neue, quali­tativ hochwertige Büroflächen auf den Markt kommen, deren Belegung wiederum ältere Flächen freisetzt und so zusätz­lichen Druck auf das Angebot ausübt.

Ausblick: Mehr Dynamik in Deutschland

Paris hat sich wider­stands­fä­higer gezeigt, doch genau diese Robustheit bedeutet auch, dass die Wertkor­rek­turen milder ausge­fallen sind – und das Aufwärts­po­tenzial entspre­chend begrenzt bleibt. Die Preis­ni­veaus sind hoch, das Mietwachstum dürfte sich verlang­samen, und eine erneute Rendi­te­kom­pression ist angesichts anhaltend erhöhter Anlei­he­ren­diten kaum realis­tisch. Paris präsen­tiert sich daher als stabiler, aber weitgehend ausge­reifter Inves­ti­ti­ons­standort.

In La Défense haben sich die Renditen zwar deutlich verbessert, das Risiko bleibt jedoch erhöht – nicht zuletzt aufgrund des grossen Bestandes älterer Büroge­bäude mit Renova­ti­ons­bedarf. Dennoch bestehen langfristige Perspek­tiven: laufende Stadt­er­neue­rungen, Begrü­nungs­pro­jekte und die hervor­ra­gende Verkehrs­an­bindung könnten vermehrt Nutzer anziehen, die nach kosten­güns­tigen Alter­na­tiven zum CBD suchen.

Berlin und München hingegen bieten mögli­cher­weise attrak­tivere Einstiegs­ge­le­gen­heiten. Nach markanten Preis­rück­gängen liegen die Risiko­prämien in beiden Märkten deutlich über ihren langfris­tigen Mittel­werten. Für langfristig orien­tierte Inves­toren eröffnet dies wieder Potenzial – voraus­ge­setzt, Inves­ti­ti­ons­ent­schei­dungen erfolgen selektiv und unter sorgfäl­tiger Berück­sich­tigung der lokalen Markt­be­din­gungen.

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