Deutschland driftet auseinander: Neue Bevölkerungsprognose auf Gemeindeebene
Veröffentlicht am: 29. September 2026
Wie wird sich Deutschlands Bevölkerung bis 2050 entwickeln?
Die neue Bevölkerungsprognose von Wüest Partner liefert Antworten – erstmals für jede einzelne Gemeinde Deutschlands. Sie zeigt, wo Metropolen weiter wachsen, welche Regionen Bevölkerung verlieren und welche Gemeinden besonders stark altern.
Die Ergebnisse machen deutlich: Deutschlands demografische Entwicklung verläuft künftig noch stärker kleinräumig. Während einzelne Gemeinden bis 2030 deutlich wachsen, verlieren andere im gleichen Zeitraum spürbar Bevölkerung. Wachstum konzentriert sich vor allem auf wirtschaftsstarke Standorte, größere Städte und ihr Umland sowie auf Gemeinden mit zusätzlichem Wohnbaupotenzial. Rückgänge zeigen sich dagegen häufiger in bereits stärker gealterten, strukturschwächeren oder weniger dynamischen Gemeinden.
Auch langfristig verschieben sich die Gewichte: Großstädte wachsen bis 2040 als einzige Gemeindekategorie weiter, während Landgemeinden, Klein- und Mittelstädte im Durchschnitt Bevölkerung verlieren. Gleichzeitig können selbst innerhalb eines Landkreises sehr unterschiedliche Entwicklungen auftreten. Im Landkreis Konstanz bleibt die Bevölkerung bis 2040 insgesamt nahezu stabil. Auf Gemeindeebene zeigt sich jedoch ein anderes Bild: Während die Stadt Konstanz wächst, geht die Bevölkerung in Radolfzell am Bodensee zurück.
Für Kommunen stellt sich damit die Frage, wie sich zukünftige Anforderungen an Wohnungsbau, Gesundheitsversorgung und Bildungsinfrastruktur frühzeitig erkennen lassen. Für Investoren und Projektentwickler ist entscheidend, welche Standorte langfristig Wachstumspotenziale aufweisen und wo mit rückläufiger Nachfrage zu rechnen ist. Bauunternehmen interessiert insbesondere, wo zusätzlicher Wohnraum benötigt wird, während Infrastrukturplaner die langfristige Entwicklung der lokalen Bevölkerung und Altersstruktur berücksichtigen müssen.
Demografie entscheidet sich vor Ort. Genau deshalb braucht es eine Prognose, die diese Entwicklung nicht nur auf Bundes- oder Kreisebene, sondern für jede einzelne Gemeinde sichtbar macht.

Prognosen auf Kreisebene reichen nicht mehr aus
Die demografische Entwicklung Deutschlands wird häufig auf Bundesland- oder Kreisebene betrachtet. Diese Perspektive gibt Aufschluss über wichtige übergeordnete Trends, kann jedoch erhebliche Unterschiede innerhalb einzelner Kreise verdecken. Gerade für Standort- und Immobilienmarktanalysen sind diese kleinräumigen Unterschiede von großer Bedeutung.
Wie stark aggregierte Werte die tatsächliche Entwicklung vor Ort überlagern können, zeigt beispielsweise der Landkreis Konstanz. Für den Landkreis insgesamt ergibt sich bis 2040 mit rund +0,1 % eine nahezu stabile Bevölkerungsentwicklung. Auf Gemeindeebene zeigt sich jedoch ein deutlich anderes Bild: Während die Stadt Konstanz gegenüber 2024 um rund 4,4 % wächst, geht die Bevölkerung in Radolfzell am Bodensee im gleichen Zeitraum um rund 3,3 % zurück. Solche Unterschiede zeigen, dass sich Gemeinden innerhalb desselben Landkreises sehr unterschiedlich entwickeln können. Neben der reinen Bevölkerungszahl unterscheiden sich auch Alterungsprozesse, Wanderungsdynamiken und damit die Perspektiven für die zukünftige Wohnraumnachfrage.
Eine Prognose für jede Gemeinde Deutschlands
Um diese Entwicklungen sichtbar zu machen, hat Wüest Partner ein deutschlandweites Bevölkerungsprognosemodell auf Gemeindeebene entwickelt. Es bildet die erwartete Bevölkerungsentwicklung für alle 10.753 bewohnten Gemeinden Deutschlands (Stand 31.12.2025) unterschieden nach Geschlecht und 17 Altersgruppen bis zum Jahr 2050 ab . Kern des Modells ist ein Kohorten-Komponenten-Ansatz, der die Bevölkerung anhand von Geburten, Sterblichkeit und Wanderungsbewegungen fortschreibt. Ergänzt wird diese demografische Grundlogik um siedlungsstrukturelle Unterschiede und die aktuelle Wohnbautätigkeit. Damit wird neben der demografischen Entwicklung auch berücksichtigt, in welchem Umfang vor Ort neuer Wohnraum entsteht und zusätzliche Bevölkerung aufgenommen werden kann. Die Ergebnisse werden anschließend an die Varianten der Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes kalibriert.

Das Modell schafft damit eine neue einheitliche Grundlage für kleinräumige Analyse. In der Erarbeitung lag ein Fokus auf das Zusammenbringen von unterschiedlichen Datenverfügbarkeiten auf kommunaler Ebene. Für kreisfreie Städte stehen detaillierte Bevölkerungsdaten nach Einzelalter zur Verfügung, während für kreisangehörige Gemeinden überwiegend Daten nach Altersgruppen vorliegen. Das Modell trägt diesen Unterschieden mit einer dualen Modellarchitektur Rechnung. Dadurch wird die jeweils verfügbare Datentiefe bestmöglich genutzt und gleichzeitig eine deutschlandweit konsistente Prognose ermöglicht.
Große Unterschiede innerhalb von Regionen und zwischen Gemeinden
Die Vorausberechnungen des Statistischen Bundesamtes erwarten bis 2050 insgesamt eine Abnahme der Bevölkerung in Deutschland. Gleichzeitig dürfte sich das verbleibende Bevölkerungswachstum räumlich sehr unterschiedlich verteilen. Es konzentriert sich vor allem auf wirtschaftsstarke Regionen, Metropolräume und zahlreiche Oberzentren. Gleichzeitig stagnieren große Teile Deutschlands oder verlieren mittel- bis langfristig Bevölkerung. Davon sind insbesondere periphere und strukturschwächere Regionen betroffen.
Die Kreisebene zeigt jedoch nur einen Teil des Bildes. Die kleinräumige Prognose macht sichtbar, dass Wachstum und Schrumpfung häufig innerhalb desselben Landkreises nebeneinanderliegen: In fast 60 % der Landkreise gibt es bis 2040 sowohl Gemeinden mit einem Bevölkerungswachstum von mehr als 2 % als auch Gemeinden mit einem Rückgang von mehr als 2 %. Wie groß diese Unterschiede ausfallen können, zeigt exemplarisch der Alb-Donau-Kreis. Seine 55 Gemeinden bewegen sich bis 2040 auf deutlich unterschiedlichen Entwicklungspfaden. Während einzelne Gemeinden gegenüber 2024 um rund 10 % wachsen, verlieren andere im gleichen Zeitraum rund 9 % ihrer Bevölkerung. Dazwischen liegen zahlreiche Gemeinden mit moderatem Wachstum, weitgehend stabiler Entwicklung oder leichtem Bevölkerungsrückgang.
Der Alb-Donau-Kreis steht exemplarisch für den Mehrwert der kleinräumigen Modellierung. Ein einzelner Wert für den gesamten Landkreis kann die unterschiedlichen Entwicklungsperspektiven seiner Gemeinden nicht abbilden. Erst der Blick auf die Gemeindeebene zeigt, wo sich Wachstum konzentriert, welche Gemeinden stabil bleiben und wo mit Bevölkerungsrückgängen zu rechnen ist. Dass es sich dabei nicht nur um einzelne lokale Besonderheiten handelt, zeigt auch der deutschlandweite Vergleich. Unter den Städten und Gemeinden mit mindestens 10.000 Einwohnern reicht die durchschnittliche jährliche Bevölkerungsentwicklung zwischen 2024 und 2030 von rund −2,0 % bis +1,6 %. Schönefeld weist mit durchschnittlich 1,6 % pro Jahr die höchste Wachstumsrate dieser Auswahl auf, während Eisenberg mit einem Rückgang von rund 2,0 % pro Jahr am anderen Ende der Verteilung liegt.
Die unterschiedliche demografische Dynamik zwischen Ost- und Westdeutschland bleibt auch zukünftig sichtbar, erklärt die lokale Entwicklung jedoch nur teilweise. Auch innerhalb wirtschaftsstarker Regionen gibt es Gemeinden, die mittel- bis langfristig Bevölkerung verlieren. Umgekehrt finden sich auch in einem insgesamt schwächeren regionalen Umfeld Gemeinden mit positiven Entwicklungsperspektiven. Die Entwicklung folgt damit nicht allein bekannten großräumigen Mustern, sondern wird wesentlich durch die individuellen Situationen der Gemeinden geprägt.
Die unterschiedlichen Entwicklungspfade der Gemeinden werden im Wesentlichen durch das Zusammenspiel von drei Faktoren geprägt:
- Wanderung
Wanderungsgewinne verteilen sich räumlich sehr unterschiedlich. Internationale Zuwanderung und Binnenwanderung können die Bevölkerungsentwicklung einzelner Gemeinden erheblich stabilisieren oder verstärken, während andere Regionen deutlich weniger von Zuzügen profitieren. - Natürliche Bevölkerungsentwicklung
In vielen Gemeinden übersteigt die Zahl der Sterbefälle bereits heute die Zahl der Geburten. Ohne ausreichende Wanderungsgewinne führt dieser negative natürliche Saldo mittel- bis langfristig zu Bevölkerungsrückgängen. Besonders ausgeprägt ist diese Entwicklung häufig in bereits stark gealterten und strukturschwächeren Regionen. - Ausstrahlung wachsender Zentren
Bevölkerungswachstum endet nicht an den administrativen Grenzen der Kernstädte. Suburbane und periurbane Gemeinden können von der Dynamik benachbarter Zentren profitieren, etwa wenn knapper, teurer Wohnraum in den Kernstädten einen Teil der Wohnraumnachfrage ins Umland verlagert.
Unterschiedliche Betroffenheit von Alterung
Neben der räumlich unterschiedlichen Bevölkerungsentwicklung verändert sich auch die Altersstruktur. Auf Deutschlandebene zeigt sich dabei ein klares Bild: Während die Gesamtbevölkerung langfristig zurückgeht, entwickeln sich die einzelnen Altersgruppen sehr unterschiedlich. Besonders die ältere Bevölkerung wächst zunächst deutlich, während die Zahl der Kinder und Jugendlichen sowie die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter zurückgehen.
Dieses gesamtdeutsche Muster zeigt sich nahezu flächendeckend, seine Ausprägung unterscheidet sich jedoch erheblich zwischen den Gemeinden. Bis 2040 nimmt die Zahl der Menschen ab 65 Jahren in rund 93 % der Gemeinden zu. Gleichzeitig geht die Zahl der unter 18-Jährigen in rund 94 % der Gemeinden zurück. Noch eindeutiger ist die Verschiebung der Altersstruktur: In nahezu allen Gemeinden steigt der Anteil der Bevölkerung ab 65 Jahren.
Entscheidend ist jedoch, in welchem demografischen Umfeld diese Alterung stattfindet. Einige Gemeinden können trotz Alterung weiterhin wachsen, während andere gleichzeitig Bevölkerung im jüngeren und erwerbsfähigen Alter verlieren. Alterung ist damit nicht gleichbedeutend mit Bevölkerungsrückgang – sie verändert aber nahezu überall die Zusammensetzung der Bevölkerung. Wie unterschiedlich diese Entwicklung ausfallen kann, zeigt der Vergleich von Deggendorf und Goslar. Beide sind mittelgroße Städte, weisen aber deutlich unterschiedliche demografische Perspektiven und Wohnbaudynamiken auf:
- Deggendorf: Zwischen 2020 und 2024 war die Wohnbautätigkeit in Deggendorf vergleichsweise hoch. Bis 2040 wächst die Gesamtbevölkerung in der Prognose um rund 2,2 %. Die Zahl der unter 18-Jährigen nimmt um rund 5,5 % zu, während die Bevölkerung im erwerbsfähigen Alter um rund 4,2 % zurückgeht. Gleichzeitig wächst die Zahl der Menschen ab 65 Jahren um rund 18,5 %. Die Alterung findet hier damit innerhalb einer insgesamt wachsenden Entwicklung statt, zu der auch die jüngere Bevölkerung beiträgt.
- Goslar: Die Wohnbautätigkeit fiel im gleichen Zeitraum deutlich geringer aus. Bis 2040 geht die Gesamtbevölkerung in der Prognose um rund 7,7 % zurück. Die Zahl der unter 18-Jährigen sinkt um rund 12,8 %, die Bevölkerung im Alter von 18 bis 64 Jahren um rund 14,5 %. Gleichzeitig wächst die Bevölkerung ab 65 Jahren um rund 9,2 %. Hier geht die Alterung mit einem deutlichen Rückgang der jüngeren und erwerbsfähigen Bevölkerung einher.
Der Vergleich zeigt, dass Alterung sehr unterschiedliche lokale Entwicklungspfade begleiten kann. Für Immobilienmärkte ist deshalb nicht nur entscheidend, ob eine Gemeinde wächst oder schrumpft, sondern auch, welche Altersgruppen diese Entwicklung tragen.
Wie ordnen sich die Ergebnisse ein?
Zur Einordnung wurde die Prognose auf mehreren räumlichen Ebenen mit bestehenden Vorausberechnungen verglichen: der Koordinierten Bevölkerungsvorausberechnung des Statistischen Bundesamtes, den Kreisprognosen des Bundesinstituts für Bau‑, Stadt- und Raumforschung sowie ausgewählten Prognosen kommunaler Statistikstellen. Für viele Regionen zeigen sich ähnliche langfristige Entwicklungspfade. Unterschiede treten dort auf, wo die Modelle von anderen Annahmen ausgehen.
Ein Beispiel ist Bremen: Nach der entsprechenden Destatis-Variante geht die Bevölkerung bis 2050 um rund 2,4 % zurück, im Modell von Wüest Partner wächst sie hingegen um rund 3,2 %. Dies zeigt, wie stark Annahmen und Modellierung langfristige Prognosen prägen – besonders bei der Wanderung, die mit hoher Unsicherheit verbunden ist. Solche Abweichungen sind kein Widerspruch, sondern Anlass zur fachlichen Einordnung: Prognosen bilden keine vorbestimmte Zukunft ab, sondern Entwicklungspfade unter bestimmten Annahmen.
Relevanz für den Immobilienmarkt
Die demografischen Entwicklungspfade prägen die lokalen Wohnungsmärkte unmittelbar. In Wachstumsregionen trifft anhaltend hohe Nachfrage auf ein begrenztes Angebot: Der Wettbewerb um Wohnraum bleibt hoch und verstärkt den Aufwärtsdruck auf Mieten und Preise. In besonders angespannten Märkten steigt zugleich das Überhitzungsrisiko. In stagnierenden oder schrumpfenden Regionen kehrt sich das Bild um: Rückläufige Nachfrage lässt Leerstände steigen und setzt Mieten und Immobilienwerte unter Druck. Mit sinkender Marktliquidität nehmen zudem Vermarktungs- und Exit-Risiken zu – vor allem bei weniger attraktiven Objekten und Lagen.
Die Prognose zeigt zudem eine weitere Verschiebung im Stadt-Land-Gefüge. Während Großstädte bis 2040 als einzige Gemeindekategorie weiter wachsen (+1,9 %), verlieren Landgemeinden (−6,8 %), Kleinstädte (−5,2 %) und Mittelstädte (−4,0 %) im Durchschnitt Bevölkerung. Der Bevölkerungsanteil der Großstädte steigt dadurch von rund 32,0 % im Jahr 2024 auf rund 33,6 % im Jahr 2040. Damit konzentriert sich Bevölkerung langfristig stärker in den größten städtischen Räumen.
Hinzu kommt die Altersstruktur: Auch in wachsenden Gemeinden verändert die Alterung die Art der Nachfrage. Ältere Haushalte ziehen seltener um, Bestandswohnungen kommen dadurch weniger häufig auf den Markt. Gleichzeitig steigt die Nachfrage nach kleineren, gut erschlossenen und altersgerechten Wohnungen. Für die Beurteilung eines Wohnungsmarktes reicht die Entwicklung der Einwohnerzahl deshalb nicht aus – entscheidend ist, welche Bevölkerungsgruppen wachsen oder zurückgehen. Für den langfristigen Anlageerfolg gewinnt die Standortwahl damit weiter an Bedeutung. Einheitliche Strategien für den gesamten deutschen Immobilienmarkt werden den lokalen Rahmenbedingungen immer weniger gerecht. Demografische Entwicklungen wirken langfristig – der Handlungsbedarf für Wohnungsbau, Infrastruktur und kommunale Daseinsvorsorge besteht aber schon heute, da Planung, Genehmigung und Umsetzung viele Jahre dauern.
Von der Prognose zur Entscheidung
Mit der neuen kleinräumigen Bevölkerungsprognose steht eine deutschlandweit einheitliche Grundlage zur Verfügung, um demografische Veränderungen frühzeitig in Standort- und Investitionsentscheidungen einzubeziehen. Entscheidend ist dabei nicht nur, wie viele Menschen künftig in einer Gemeinde leben werden, sondern auch, wie sich ihre Altersstruktur und damit die Anforderungen an Wohnraum, Infrastruktur und Versorgung verändern. Die kleinräumige Analyse macht demografische Chancen und Risiken auf Gemeindeebene systematisch sichtbar. Denn für die Zukunft eines Immobilienstandorts zählt nicht der deutsche Durchschnitt, sondern die Entwicklung vor Ort.
Unser Angebot
Gerne unterstützen wir Sie mit kleinräumigen demografischen Prognosen und Analysen und beraten Sie zu deren Implikationen für Marktpotenziale, Standort- und Investitionsentscheidungen, Schulraumplanung, Pflege- und Alterswohnplanung sowie Standortpolitik.