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Urbaner Hitzestress in Deutschland: Warum urbane Hitzebelastung für Immobilienmärkte zunehmend relevant wird

von Lucas Bensch und Sophie Nieder

Lucas Bensch Sophie Nieder

Veröffentlicht am: 25. Juni 2026 Letzte Aktualisierung: 25. Juni 2026

Hitze ist mehr als ein Klimathema

Hitzewellen gehören bereits heute zu den folgen­schwersten Auswirkungen des Klimawandels in Europa. Laut einer Schätzung des RKI gab es im Jahr 2025 in Deutschland etwa 2.500 Sterbefälle, die mit Hitzewellen in Zusammenhang gebracht werden konnten. Während die Auswirkungen von Starkregen und Hochwasser häufig unmit­telbar sichtbar sind, bleibt urbane Hitze oft weniger greifbar und wird daher in der Immobilienwirtschaft häufig noch unter­schätzt. Dabei kann sie die Attraktivität von Standorten ebenso beein­flussen wie Betriebskosten, Investitionsbedarf und die langfristige Werthaltigkeit von Immobilien.

Mit zuneh­mender Verdichtung, steigenden Sommertemperaturen und häufi­geren Hitzewellen wird die Fähigkeit von Städten und Quartieren, mit Hitze umzugehen, zu einem relevanten Standortfaktor. Was bislang vor allem als Gesundheits- und Klimathema disku­tiert wurde, gewinnt zunehmend wirtschaft­liche Bedeutung: Hitzebelastung beein­trächtigt die Aufenthaltsqualität von Quartieren, erhöht den techni­schen Anpassungsbedarf von Gebäuden und kann sich langfristig auf Betriebskosten, Vermietbarkeit und die Attraktivität von Lagen auswirken. Hinzu kommen gesund­heit­liche Belastungen sowie poten­zielle Auswirkungen auf die bauliche Substanz von Gebäuden. Die zentrale Frage lautet dabei nicht mehr, ob Hitze Auswirkungen haben wird, sondern welche Standorte bereits heute besonders betroffen sind.

Ein neuer Blick auf urbane Hitze

Um diese Frage zu beant­worten, wurde ein deutsch­land­weiter Hitzestressindex entwi­ckelt. Anders als klassische Temperaturkarten betrachtet der Ansatz nicht allein die klima­tische Belastung, sondern kombi­niert Klima‑, Bevölkerungs- und Stadtstrukturen zu einem umfas­senden Bild struk­tu­reller Hitzebelastung eines Standortes.

Berücksichtigt werden die langfristige Häufigkeit von Hitzetagen auf Basis des 30-jährigen Mittels (1990–2020), die räumliche Konzentration vulnerabler Bevölkerungsgruppen (Kinder und ältere Menschen), die Passantenfrequenz sowie Merkmale der Stadtstruktur wie Versiegelung, Baumbedeckung und die Nähe zu Wasserflächen. Die einzelnen Einflussgrößen werden entspre­chend ihrer Bedeutung gewichtet und zu einem Gesamtindex zusam­men­ge­führt.

Der Fokus liegt dabei bewusst auf langfristig wirksamen Standortfaktoren. Kurzfristige Anpassungsmaßnahmen wie beispiels­weise Verschattungselemente oder Trinkwasserangebote werden nicht berück­sichtigt. Der Index bewertet somit nicht, wie gut Standorte schon heute auf Hitzewellen vorbe­reitet sind, sondern vor allem das struk­tu­relle Hitzebelastungspotenzial eines Standortes auf Basis seiner klima­ti­schen, demogra­fi­schen und städte­bau­lichen Ausgangslage. Die Ergebnisse werden auf einer Skala von 0 bis 1 ausge­wiesen, wobei 0 für ein geringes und 1 für ein hohes struk­tu­relles Hitzestresspotenzial steht. Dadurch lassen sich Standorte vergleichen und räumliche Unterschiede leicht nachvoll­ziehen.

Die Berechnung erfolgte auf Rasterebene mit einer räumlichen Auflösung von 100 x 100 Metern. Für die Analyse werden diese Ergebnisse je nach Fragestellung auf Gemeinde- und Siedlungsblockebene aggre­giert. Dadurch lassen sich sowohl deutsch­land­weite Muster als auch klein­räumige Unterschiede innerhalb einzelner Städte sichtbar machen.

Wo liegen Deutschlands Hitze-Hotspots?

Die deutsch­land­weite Analyse zeigt, dass das Hitzestress-Potenzial in Deutschland keineswegs gleich­mäßig verteilt ist. Vielmehr lassen sich bereits auf den ersten Blick unter­schied­liche klima­tische und siedlungs­struk­tu­relle Räume erkennen. Der bundes­weite Durchschnittswert des Hitzestressindex liegt bei 0,365, die Spannweite zwischen den Gemeinden fällt jedoch erheblich aus.



Die räumlichen Muster folgen keinem einfachen Nord-Süd-Gefälle, sondern zeigen, dass lokale Klimaräume, Topographie, Siedlungsstruktur und Freiräume das Hitzestress-Potenzial prägen. Während viele Gemeinden in Norddeutschland vergleichs­weise geringe Belastungspotenziale aufweisen, nehmen die Werte in Teilen Süd‑, West- und Mitteldeutschlands deutlich zu. Insbesondere küstennahe Regionen profi­tieren von maritimen Klimaeinflüssen, stärkerer Luftzirkulation und der ausglei­chenden Wirkung großer Wasserflächen.

Die höchsten Werte konzen­trieren sich vor allem auf die Verdichtungsräume Süd- und Westdeutschlands. Als bundes­weiter Hotspot hebt sich insbe­sondere das Rhein-Neckar- und Oberrheingebiet hervor, aber auch Teile Thüringens und Mitteldeutschlands zeigen erhöhte Belastungspotenziale.

Die räumlichen Muster werden dabei vor allem durch klima­tische und topogra­phische Faktoren geprägt. Mittelgebirge, Waldregionen und wasser­ge­prägte Landschaften treten vielerorts als kühlere Räume hervor. Erhöhte Werte konzen­trieren sich dagegen auf verdichtete Siedlungsräume, Beckenlagen und klima­tisch begüns­tigte Regionen.

Die Ergebnisse verdeut­lichen damit, dass urbane Hitzebelastung nicht allein von der Größe einer Stadt abhängt. Entscheidend ist vielmehr das Zusammenspiel klima­ti­scher Grundbelastung, Siedlungsstruktur und dem Vorhandensein klima­tisch wirksamer Freiräume.

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