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„Das Pflegeheim-Segment wird anspruchsvoller werden“

13. Dezember 2021

Das Coronavirus hat Pflegeheime ganz besonders betroffen. Inwiefern sich die Pandemie auf die baulichen Anforderungen an Pflegeheime sowie auf den Bedarf altersgerechter Wohnformen auswirkt, darüber spricht Dr. Jochen Schellenberg, Geschäftsführer der KATHARINENHOF® Seniorenwohn- und Pflegeanlage Betriebs-GmbH.

Herr Dr. Schellenberg, Sie sind Betreiber von 40 Pflegeheimen, darunter auch Einrichtungen des Betreuten Wohnens. Nehmen Sie im Zuge der Krise einen veränderten Bedarf hinsichtlich der Wohnformen wahr?

Hier sehen wir keinen generellen Trend. Denn es ist nach wie vor so, dass der Bedarf nach angemessenen Angeboten an Pflegeheimen und betreuten Wohnen das aktuelle Angebot übersteigt. Was wir aber sehen, ist, dass diejenigen, die einen Platz suchen, viel genauer hinsehen, wie wir als Betreiber mit dem Thema Pandemie und den erforderlichen Maßnahmen umgehen.

Müssen aus Ihrer Sicht die baulichen Anforderungen an Pflegeheime verändert werden, um den reibungslosen und sicheren Betrieb eines Heimes gewährleisten zu können?

Mit Blick auf die Pflegeeinrichtungen, die ab den 1990er Jahren gebaut wurden, kann das Hygienemanagement größtenteils unabhängig von baulichen Anforderungen erfolgen. An dieser Stelle möchte ich betonen, dass die Einrichtungen in erster Linie ein neues Zuhause für die Bewohner darstellen. Zu viele Restriktionen wirken sich negativ auf das Wohlbefinden aus. Wenn es gelingt, Impfungen sinnvoll voranzutreiben und Testungen strategisch richtig umzusetzen, dann sind keine baulichen Veränderungen notwendig – es muss das Management hierzu angepasst werden. Ein Punkt ist jedoch deutlich geworden: In allen Pflegeeinrichtungen ist das Thema Digitalisierung noch weitgehend unterbelichtet. Bauliche Grundlage hierfür ist eine stabile WLAN-Struktur. Ergänzt durch ein leistungsfähiges Internet bilden diese Faktoren das Fundament für beinahe alle digitalen Prozesselemente.

Dr. Jochen Schellenberg

Die neue BBSR Bevölkerungsprognose bis 2040 bestätigt: Die Zahl der Bevölkerung im Rentenalter wird am stärksten wachsen. In Kombination mit einer längeren Lebenserwartung steigt zumindest pauschal der Bedarf nach altersgerechten Wohnformen, seien es Pflegeheime, Betreutes Wohnen oder Senioren-WGs. Was bedeutet diese Entwicklung für den Pflegeheimsektor und für Ihre Unternehmensstrategie?

Wir sehen den wachsenden Bedarf in allen Segmenten und sind seit gut zwei Jahren dabei, unsere Unternehmensstrategie entsprechend anzupassen – weg vom reinen Pflegeheimanbieter hin zum integrierten Anbieter. Überall, wo es in unseren Bestandseinrichtungen möglich ist, ergänzen wir die vollstationäre Pflege durch Angebote, die zum Lebensalltag von Pflegebedürftigen gehören. Das sind Servicewohnen, die ambulante Pflege vor Ort und die Tagespflege. Bei Neubauprojekten setzen wir diese Strategie konsequent um, sodass es keine isolierten Einrichtungen mehr gibt.

Die Krankenkassen fördern mit Ihrer Zuschuss-Politik offensichtlich die ambulante Pflege. Sehen sie dadurch künftig eine weitere Verschiebung vom Pflegeheim hin zur ambulanten Pflege oder wird das Pflegeheim auch in Zukunft ähnlich nachgefragt?

Die Verschiebung hin zur ambulanten Pflege hat bereits in den vergangenen Jahren mit der Umsetzung der Pflegestärkungsgesetze I – III begonnen. Das Ziel der Politik ist ganz klar, Pflegebedürftige, solange es eben möglich ist, in einem häuslichen Umfeld zu halten. Für Pflegeheime bedeutet das, dass sich die Einrichtungen konsequent spezialisieren müssen. Denn künftig werden insbesondere Menschen mit hohen Pflegebedarfen, teilweise auch verstärkten medizinischen Anforderungen, in Heimen wohnen. Deswegen wird das Segment Pflegeheim aber keinen Einbruch erleben, es verändert sich der Bedarf.

Dieser Beitrag wurde zuerst bei CareInvest veröffentlicht.

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